Pressearbeit als Linksradikale?????

In den letzten Jahren gab es immer wieder Versuche, einen für alle einigermaßen erträglichen Umgang mit der „bürgerlichen“ Mainstream-Presse zu finden. Neben der Meinung „Mit denen arbeiten wir nicht zusammen!“, gibt es immer konkretere Ideen, wie ein Umgang mit Journalisten aussehen kann. Auch wenn die Motive dazu sehr unterschiedlich sind und von „Lieber eine verkürzte Kapitalismuskritik als gar keine Gegenposition in der Zeitung“ über „Es gibt auch Zeitungen wo wir Inhalte platzieren können!“ bis zu „Auch eine schlechte Presse ist gut!“ reichen, entwickeln sich im Rahmen von großen Ereignissen Bezugsgruppen, die sich mit der Pressearbeit beschäftigen. Im großen und ganzen gibt es da einige Eckpunkte die alle berücksichtigen. Z.B., nicht Pressesprecher_in für das Camp zu sein oder im Namen des Plenums zu sprechen, das Weitervermitteln von Menschen, die zum Beispiel für eine Aktionsgruppe sprechen oder sich auf ein Thema spezialisiert haben etc.

Im Rahmen der Protesten zum G8-Gipfel in Heiligendamm gab es eine solche Pressegruppe, die sich zur Aufgabe gemacht hat, „linksradikale“ Pressearbeit im Vorfeld und während der Tage zu machen. Ich bin relativ spät dazu gestoßen – mit der Idee, mich im Camp um die Presse zu kümmern und der Position „Ich muss keine Interviews geben, das können andere besser!“

Während des Camp-Aufbaus haben wir uns ein Pressezelt im Eingangsbereich errichtet – und es ging sofort los. Alle freuten sich, dass da welche sind, die mit der Presse reden, ihr was zum Camp erzählen und die Journalist_innen über das Gelände führen. Mit so einem großen Ansturm haben wir nicht gerechnet. Die Idee, keine Interviews zu geben, war relativ schnell hops gegangen. Wir sprachendabei nicht als Pressesprecher_innen, sondern als Campteilnehmer_innen. Ob das dann wirklich immer so rübergekommen ist, weiß ich nicht. Ich hoffe es. Wir haben uns auch bemüht, schnell ein Netzwerk von Menschen aufzubauen, die auch mit der Presse reden und Interviews geben. Wir wollten verhindern, dass immer dieselbe Person zum Thema Camp spricht und so öffentlich doch zur Camp-Pressesprecher_in gemacht wird. Und ich bin heute noch erstaunt, wie sehr ein kleines, offiziell aussehendes Schild mit einen Namen wie „Susi Sonnenschein“ und darunter „Pressekontakt“ Autorität gegenüber Mitarbeiter_innen der Medien (und leider auch gegenüber einigen Campteilnehmer_innen) herstellt.

Kurz vor dem großen Ansturm bekamen wir Verstärkung von internationalen Medienaktivist_innen, was sehr cool war. Nun gab es auch die Möglichkeit, u.a. in Englisch, Spanisch, Französisch Interviews zu geben. Manchmal wollten die Medienvertreter_innen aus anderen Ländern auch einfach Leute aus „ihrem“ Land interviewen. Wir haben dann versucht, Aktivistinnen z.B. aus Schweden zu finden.

Da wir im Eingangsbereich des Camps standen, hatten viele Aktivist_innen gesehen, dass es da Menschen gibt, die sich um die Presse kümmern. Leider gab es wenig Versuche von Bezugsgruppen, Pressebegleitung für ihre Aktionen zu finden. Wir wollten diesen Service anbieten. Im Vorfeld haben wir auch Interviewworkshops angeboten, um die Hemmungen gegenüber der Presse abzubauen und Menschen auf unangenehme Fragen vorzubereiten – oder auch aufzuzeigen, dass mensch ein Gespräch mit der Presse auch abbrechen kann, wenn es eher aussichtslos aussieht und der Mensch gegenüber auf einer dummen Frage rumreitet. Wir haben uns jeden Abend zu einem Plenum getroffen und uns ausgetauscht, was den Tag gut gelaufen ist, welche Journalisten nervig waren, was es für Fragen gab, was morgen das Thema sein wird, was unsere politische Einschätzung ist etc. Da sich kein Mensch von 9 Uhr bis abends um 8 mit der Presse zu beschäftigen will, haben wir geklärt, wer wann da ist – und natürlich eine_n Delegierte überlegt, damit wir auch auf dem Camp-Plenum vertreten sind.

Es gab den Beschluss de Camps, dass ab der großen Demo am 2. Juni keine Pressevertreter auf das Campgelände kommen. Das war schon vorher so beschlossen, u.a. mit der Begründung, dass das unser Rückzugsraum ist, unser Wohnzimmer sozusagen. Da wollen wir uns wohl fühlen und nicht morgens aus dem Zelt kommen und in eine Fernsehkamera schauen. Ich finde es auch eine Frechheit das von uns Aktivisten zu verlangen, bei den G8-Vertreter_innen wird sich ja auch nicht beschwert, dass mensch nicht in ihrem Schlafzimmer gefilmt werden kann. So weit, so gut.

Oder auch nicht. Die nervigsten Diskussionen darum hatte ich mit der BILD-Zeitung, der Typ wollte unbedingt mit mir über Pressefreiheit diskutieren. Bilder hat er trotzdem nicht bekommen. Leider kam direkt danach ein Pressefotograf der taz. Na Danke! Der hat mir dann erzählt, dass ich Schuld bin, dass sie nur Bilder von brennenden Autos machen können – wenn ich noch nicht mal ihn auf das Camp lasse. Ich dachte mir: „Die spinnen doch alle!“, und brauchte danach erstmal eine Pause von Journalisten.

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