—Erfahrungsbericht—

Genua, 20.07.2001:

Etwas Ungewisses lag in der Luft, man konnte die Spannung formlich mit der Luft aufsaugen.

Um 10 h trafen wir uns am Piazza Kennedy, um uns noch einmal mit neuesten Infos auszutauschen und letzte Dinge zu besprechen. Wir waren zu zehnt und entschieden uns, dem Black Block, wo sich viele Anarchist_innen und Autonome versammeln würden, anzuschließen.

Wir hatten alle die EA-Nummern aufgeschrieben, Stadtpläne verteilt und uns in 5 Zweier-Gruppen unterteilt. Das obligatorische Rufwort durfte natürlich nicht fehlen. Als wir am Treffpunkt Corso Torino ankamen, ging es zu unserer Verwunderung schon sofort los. Banken wurden gesmasht und Wurfgeschosse gesammelt. Den heraneilenden Bullen antworteten wir mit Steinen, doch dem zunehmenden Tränengas mußten wir schließlich weichen und uns von der Roten Zone entfernen. In all dem Chaos stetig darum bemüht als Gruppe sich nicht zu verlieren. Wir waren nicht die Einzigen, die unter ihren Tüchern und Hassis laut ihre Gruppennamen riefen. Nach ein paar Blocks teilte sich die Demo. Hier machten wir das erste mal Plenum. Einem Teil von uns war es zu heftig und die Performance erschien ihnen zu unkontrolliert und zuwenig zielgerichtet. Zu siebend zogen wir weiter und schloßen uns der nördlichen Gruppe, an. Schicker aussehende Autos brannten aus, aber auch weniger moderne Karossen mußten dran glauben. Wir blieben zusammen. Als nördlich der Bahnstation (Stazion Brignole) der Supermarkt geplündert wurde, konnten wir gerade noch den verbliebenen Alkohol zerstören. Zu viele hatten sich inzwischen daran berauscht – es wurde ein wenig wild. Hier hielten wir jetzt unser zweites Plenum ab. Drei weitere von uns verabschiedeten sich und zu viert, dezimiert, zogen wir weiter. Wir waren jetzt zwei Zweiergruppen. Wir überquerten den Piazza Manin und näherten uns schließlich noch einmal der Roten Zone. Danach zogen wir uns zurück wieder in jene Richtung, wo morgens unsere Demo startete und inzwischen die Tute Bianche, die erst sehr viel später losgelaufen waren, mit der Spitze auf die Bullen stieß.

Hier vereinigten sich jetzt der zersprengte Black Block mit jenem Teil der Tute Bianche, die den Bullen nicht freiwillig das Feld räumen wollte. Als Carlo erschossen wurde, waren wir in einer Nebenstraße, bereits auf dem Weg zurück. Als wir gegen 18 h das Indymedia-Center erreichten waren wir über 8 Stunden unterwegs. Wir hatten uns nicht verloren. Was uns immer wieder geholfen hatte, war das wir über unsere Grenzen und Bedürfnisse geredet und diskutiert haben. Dadurch schafften wir Klarheit zumindest unter uns inmitten all dieser Anspannung. Dass wir uns trennten, war nie ein Problem. Wir schlossen uns am Ende immer dem an, von dem wir glaubten, dass es unseren Vorstellungen entsprach. Das wichtigste schien mir Absprache und Kommunikation. Genua blieb mir, was die Bezugsgruppendynamik betrifft, positiv in Erinnerung. Trotz all dem Chaos, den vielen Gasgranaten, dem Sprachgewimmel in einer unbekannten Stadt, schafften wir es, zusammen zu bleiben und dem G8-Spektakel deutlich unsere Note zu geben. Wir waren alle ok – doch Carlo war tot – die Erstürmung der Diaz Schule sollte noch folgen. Nichts bleibt wie es war.

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