17. Erfahrungsbericht zu Twitter

Ohne Twitter
Naziaufmarsch vor zehn Jahren. Ich erinnere mich an das Gerenne. Viele Bezugsgruppen sind rund um die Naziroute unterwegs und versuchen auf deren Demoroute zu kommen, um zu blockieren. Es kommt das Gerücht auf, dass die Blümchengasse noch nicht abgesperrt ist. Meine Bezugsgruppe rennt los. Ich denke noch: Das ist jetzt schon die dritte Meldung dieser Art, das klappt doch wieder nicht. Als wir ankommen, sehen wir schon die Bullenkette und drehen ab. Ich bin fix und fertig von dem Gerenne. Seit drei Stunden geht das schon so und erreicht haben wir bisher nichts. Da taucht eine befreundete Bezugsgruppe auf, die sich vorher gut vorbereitet hat und die Route vorher gecheckt hat. Einer hat anscheinend einen Zugang zu der Naziroute über einen Hinterhof hier gleich um die Ecke gefunden. Na dann los. Vielleicht können wir doch noch was bewirken. Ca. zehn Leute stürzen mit frischer Energie los. Den Hinterhof gibt es wirklich. Die Tür ist offen, kleine Mauer, alle rübergeklettert und schon stehen wir auf der Naziroute. Die Freude wärt nur kurz. Da vorne sind sie! Jetzt wird uns ein bisschen mulmig. So viele Nasen und wir nur zu zehnt. Schön wäre es, wenn wir noch mehr Leute hierher mobilisieren könnten. Einer ruft schnell noch das Infotelefon an, aber das ist schon zu spät. Wir ziehen uns auf die Mauer zurück und lassen die Nasen vorbeiziehen. Immerhin brüllen wir was das Zeug hält, was wir von ihnen halten.

Nur eine Frage der Organisierung
Vor der Zeit von Twitter gab es auch schon eine technische Organisierungsform, die allerdings zielgerichteter war. Telefonketten.
Diese hatten sich in vielen Hausprojekten etabliert. Wurde z.B. eines der Hausprojekte angegriffen, wurde die Telefonkette in Gang gesetzt.
Es war eine sehr zuverlässige und vor allem verbindliche Form der Organisierung – gegen Bullen- oder Naziübergriffe – die ich in der heutigen Zeit leider manchmal vermisse.

Mit Twitter
Blende … 2017 – Rudolf-Heß Marsch in Spandau. Eine Sitzblockade hat es geschafft, die Spandauer Straße abzusperren. Wir stehen noch rum und warten ebenso wie ca. 150 andere Leute. Diesmal sind wir gut vorbereitet und haben uns über die Route, angemeldete Mahnwachen und Infopunkte gut informiert. Über den Polizeiticker auf Twitter kommt die Nachricht, dass die Naziroute umgeleitet wird. Die Menge gerät in Bewegung. Alle setzen sich in Richtung der neuen Route in Bewegung. Über Twitter kommt die Nachricht, dass es einen ersten Blockadeversuch auf der neuen Route gibt. Wir kennen die Ecke und twittern, dass mensch gut zu der Stelle hinkommt, wenn man links um den Block läuft. Ich bin froh über die Vorbereitung und dass wir die Infos so einfach weitergeben können. Meine Bezugsgruppe macht sich auf den Weg. Über Twitter kommt eine Bestätigung der Einschätzung. Wir haben die Blockade erreicht und setzen uns hin. Schnell werden wir mehr. Ich fühle mich sicher mit so vielen Menschen. Die Stimmung ist ausgelassen. Über Twitter kommt die Info, dass schon 400 Leute in der Blockade sitzen. Immer mehr Menschen kommen dazu. Die Nazidemo kommt nicht weiter. Über Twitter kommt die Meldung, dass die Stimmung beim Heß-Marsch schlecht ist. Nach einer Stunde lösen die Bullen die Nazidemo auf. Wir feiern und begleiten sie mit Sprechchören wieder zurück zum Bahnhof.

Sich auf Twitter zu verlassen ist auch keine Lösung
Die Kommunikation über Twitter war in diesem Fall wirklich praktisch, aber mensch kann sich nicht darauf verlassen. In Hamburg auf dem G20-Gipfel hat mich Twitter eher genervt, weil so viel Müll gepostet wurde, so dass der reale Informationsgehalt sehr gering war. Teilweise hat es gar nicht funktioniert, weil die Funknetze überlastet waren. Abgesehen davon kann das Netz direkt abgeschaltet werden.
Es gab schon vor Twitter Leute, die zu Aktionen gefahren sind und sich erst vor Ort zu den Infopunkten begeben haben, um dann spontan zu überlegen, was sie tun können – mit und auch ohne Bezugsgruppe.
An den Infopunkten gab es zwar immerhin gesicherte Informationen, aber ohne Plan und vor allem ohne Bezugsgruppe ist es schwierig (wirksame) Aktionen aktiv mitzugestalten.
Daher ist es wichtig, dass wir uns organisieren. Twitter oder andere alte und neue Kommunikationswege können eine gute Ergänzung sein – müssen aber nicht.

Manchmal gibt es eine Handvoll Leute, die gesicherte Infos twittern. Dann ist es möglich gezielt diesen Kanälen zu folgen, zum Beispiel Bündnis gegen Rechts oder lokale Initiativen, und den Rest auszublenden, um so unter der Vielzahl von Meldungen den Überblick behalten zu können.
Wichtig! Was ihr nicht vergessen dürft: Durch die Nutzung von Twitter und Co ist nachweisbar, dass ihr auf der Straße wart. Ihr hinterlasst Spuren, die im Falle von Repressionsmaßnahmen gegen euch verwendet werden können.

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