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Solidarität kann eine Waffel sein

Unserer Meinung nach gehören immer auch Überlegungen dazu, inwiefern einzelne von Euch, Eure gesamte Gruppe oder die Leute neben Euch vor, während oder nach der Aktion von politischer Repression betroffen sein können. Viele beschäftigen sich lieber nicht damit oder vertrauen darauf, „dass schon alles gut geht“. Andere schrecken möglicherweise auch vor bestimmten Handlungen zurück, wenn sie sich mit den möglichen Folgen näher auseinandersetzen.
Beides ist unserer Meinung nach nicht das Gelbe vom Ei. Wir halten daran fest, dass unser politisches Leben sich nicht rechtlichen Rahmenbedingungen, polizeilicher Drohkulisse oder Einschüchterung einfach unterwerfen sollte. Viele nennen ihr Engagement Zivilen Ungehorsam, oder gehen davon aus, dass sich nur durch den Druck sozialer, politischer Bewegungen die Verhältnisse verändern.
Wer wann und in welchem Umfang von Repression betroffen ist (z.B. brutale Polizeigewalt auf Demos, Straf- oder Haftbefehle, Auflagen z.B. im Sinne von Reisebeschränkungen, Observationen, Bespitzelungen, Untersuchungshaft, Hausdurchsuchungen usw. usw.), lässt sich bei aller Erfahrung nicht genau vorhersagen. Sie kann pazifistische FriedensaktivistInnen und militante Kreise treffen, oder auch mal die überraschte Mitbewohnerin oder den älteren Genossen, der schon seit Jahren nicht mehr aktiv ist. Sie ist politischen Konjunkturen unterworfen oder hängt auch mal vom Jagdeifer eines einzeln Beamten oder einer eifrigen Staatsanwältin ab. Manche nennen es Willkür, andere Rechtsstaat. Gemeinsam ist allen Situationen, dass sie für die Betroffenen meist äußerst unangenehm und bedrohlich sind.
Vertrauen in die Gruppe und sich selbst stärken kann. Man fühlt sich staatlichen Repressionsorganen gegenüber nicht völlig hilflos ausgeliefert, sondern hat vieles im Kopf schon mal durchgespielt oder von Leuten gehört hat, wie sie mit solchen Situationen umgegangen sind. Deshalb glauben wir, dass das Thema Repression im politischen Alltag eine Rolle spielen sollte, dazu gehören auch die Ängste, Unsicherheiten und Fehler, die wir alle in solchen Momenten
kennen. Auch hier gilt die Parole der Broschüre ganz wunderbar: Zusammen mehr erreichen!
Wir finden, niemand darf mit Repression wegen seines oder ihres politischen Engagements alleingelassen werden! Deshalb gibt es unter anderem Rechtshilfegruppen, Ermittlungsausschüsse, Solifonds und -kreise, Broschüren zum Umgang und zu Erfahrungen
mit Polizei und Justiz, sowie Veranstaltungen zum Thema. Viele haben die Erfahrung gemacht, dass die Auseinandersetzung mit dem Thema nicht zu Einschüchterung führen muss, sondern das Vertrauen in die Gruppe und sich selbst stärken kann. Man fühlt sich staatlichen Repressionsorganen gegenüber nicht völlig hilflos ausgeliefert, sondern hat vieles im Kopf schon mal durchgespielt oder von Leuten gehört hat, wie sie mit solchen Situationen umgegangen sind. Deshalb glauben wir, dass das Thema Repression im politischen Alltag eine Rolle spielen sollte, dazu gehören auch die Ängste, Unsicherheiten und Fehler, die wir alle in solchen Momenten
kennen.
Es kann Sicherheit geben zu wissen, dass sich Leute um eine_n kümmern, wenn er/sie auf einer Demo festgenommen wurde, oder jemand nach einer Hausdurchsuchung zum Reden vorbeikommt, ’ne Demo organisiert und eine Soli-Cocktail-Bar auf die Beine stellt, um
die Kosten wieder reinzukriegen. Wir denken, dies ist eine ganz große Stärke unserer Bewegung, auf die wir nichts kommen lassen sollten. Und das geht am allerbesten, wenn sich alle immer mit dafür verantwortlich fühlen und hin und wieder Zeit, Geld, Soliarbeit, Texte, Veranstaltungen,
Knastbesuche usw.usw. dazu beitragen.
Wenn dies einen ganz normalen Teil des politischen Alltags von uns allen darstellt, dann bleibt auch immer noch genug Zeit, an den Themen weiterzumachen, die uns und denen wichtig
sind, die gerade nicht weitermachen können, weil sie sich mit den Folgen ihres politischen Engagements herumschlagen müssen…

Glossar

Alkohol: A. hat auf Demonstrationen und bei Aktionen nichts zu suchen! Siehe auch Drogen. Anwaltsvollmacht: Ihr könnt/solltet vor Aktionstagen oder Demos eine Vollmacht für eine Anwältin unterschreiben und bei Freund_innen oder in eurer WG hinterlegen (unterschrieben, aber ohne Datum – auf der Rückseite Meldeadresse und Geburtsdatum notieren). Wenn ihr festgenommen werden solltet, kann diese ganz nützlich sein.

Barrio: Ein B. ist eine Art Bezirk auf einem Aktionscamp. Es gibt regionale B.s (Rhein-Main-B.) oder thematische oder nach Vorlieben „sortierte“: krasses Anarcho-B., Black-B., queeres B.

EA oder Ermittlungsausschuss: Vertrauenswürdige und erfahrene Leute, die beispielsweise während einer Demo am Telefon sitzen, damit keine_r verloren geht. Leute, die festgenommen wurden, können/sollen den EA anrufen, damit dieser sich z.B. um Anwältinnen kümmern kann. (Meldet euch immer auch ab, wenn ihr wieder draußen seid!) Die Telefonnummer (EA-Nummer) wird vor der Demo/Aktion? bekannt gegeben, an machen Orten ist sie immer die gleiche.

Deli: auch: Delegierten-Treffen, D.-Treffen. Eine oder zwei vertreten die Bezugsgruppe, um sich mit einem größeren Zusammenhang (Demo-Block, Aktionsgruppe, Camp) zu koordinieren und abzustimmen. Funktioniert nur, wenn in den Bezugsgruppen auch diskutiert wird. Drogen: D. haben auf Demonstrationen und bei Aktionen nichts zu suchen! Siehe auch Alkohol.

Flugi: Auch: Flugblatt, Flugschrift. Enthält die gerade aktuelle Analyse, immer wichtig und hochspannend.

Fotos/Filme: Auch wenn es häufig anders aussieht: Der Sinn einer Demonstration/Aktion? ist nicht, dass wir uns alle gegenseitig filmen und/oder fotografieren. F./F. können Leute zudem in ganz reelle Gefahr bringen. Wenn ihr dennoch F./F. machen wollt, z.B. auf einem Camp, dann fragt die Leute, die ihr aufnehmt, vorher immer um Erlaubnis! (Nebenbei: Wenn ihr die Dokumentation von Protest und Widerstand spannend findet, ist euer Engagement in linken => Medienprojekten sicher nachhaltiger als die private Fotosammlung.) F./F. macht übrigens auch die Gegenseite, und nicht zu knapp. Manchmal helfen => Wechselklamotten. Infoladen: Einen I. gibt es in vielen Städten/Regionen?. Weniger ein Geschäft, sondern ein selbstverwalteter Ort, an dem du dich mit Informationen jeder Art eindecken kannst, also auch mit Zeitungen, Flugblättern, Büchern, aber auch mit Buskarten, T-Shirts etc.; siehe www.infoladen.net

Konsens: Gegenteil vom Dissens und das, was bei einer => Runde im besten Falle raus kommt: Alle sind mit dem, was geschrieben, der Weltöffentlichkeit verkündet, getan oder nicht getan wird, voll und ganz einverstanden. Alle.

Lauti: Lautsprecherwagen (im Bullen-Jargon: LauKW?); spielt Musik und Redebeiträge, ist immer wieder Ziel von Angriffen, deshalb gibt es eine oder zwei Reihen L.-Schutz – wenn nicht, könntet ihr ihn evtl. spontan übernehmen, fragt einfach am L. nach.

Gewalt: Die Frage, ob der Staat das Monopol „legitimer G.“ innehaben sollte, ist seit Jahr und Tag umstritten. Sicher ist, dass in der immer gern geführten „G.-Diskussion“ die strukturelle G. bspw. der Festung Europa oder des kapitalistischen Kommandos neben vorauseilenden Distanzierungen von „Riots“ und „Chaot_innen“ in der Regel irgendwie unter den Tisch fällt. Halten wir inne: Warum sind z.B. Abschiebungen oder prügelnde Bullen voll OK – keine G. -, entschlossene Aktionen gegen Abschiebungen oder verprügelte Bullen dagegen G., also überhaupt nicht OK? Vielleicht kann uns das ja mal wer erklären, wir verstehen es nicht.

Handys: auch: Mobiltelefone. Ganz praktisch, aber auch nicht ungefährlich. Das H. lässt sich von den Bullen orten und als mobile Abhöreinrichtung einsetzen, auch wenn es ausgeschaltet ist. Überlegt euch, wo ihr es wirklich braucht und wo es auf keinen Fall was zu suchen hat. Manchmal ist das gute alte Funkgerät ohnehin besser geeignet.

Heli: von Helikopter, Hubschrauber. Lästig. Machen z.B. auf einer Demo auch aus großer Höhe Portraitaufnahmen von dir. Manchmal sieht oder hört mensch den H., die Wärmebildtechnologie funktioniert aber auch aus extremer Höhe, also ohne dass du bspw. bei Wald- und Wiesenkämpfen (wie in und um Heiligendamm) automatisch was davon mitbekommst.

Medienprojekte: Linke, selbst verwaltete M. gibt es total viele, total verschiedene: alte und neue, Hochglanz und Fehldruck, spannend und langweilig. Es gibt Zeitungen und Zeitschriften (legale und illegalisierte), Radioprojekte (legale und eher piratenartige, spontane), es gibt Internetportale, Fotoarchive, Videoprojekte etc. Ein buntes Allerlei. Siehe z.B. (unvollständig): www.de.indymedia.org; www.freie-radios.net; www.freie-radios.de; www.kanalb.org; www.inforiot.de; www.nadir.org

NUH: netter, unkomplizierter Haufen. Vielfach erprobtes Organisierungsprinzip der undogmatischen Linken, in Abgrenzung zu Partei, NGO und Organisation. Von letzteren als unverbindlich und „bündnisunfähig“ geschmäht, sorgen NUHs doch immer wieder für fetzige Aktionen. Runde: „Lass uns ’ne R. machen…“ Eine R. ist der Kern einer, je nach dem, schnellen oder langsamen Entscheidungsfindung. Egal ob die Diskussion um euer Flugblatt oder darüber, wie ihr an der Bullenkette vorbeikommt, das Prinzip ist immer gleich: Jede_r kommt zu Wort. Abwandlungen: die Emo-R. („Wie geht es dir gerade?“) und die Daumen-R., wenn es schnell gehen muss. Ähnlich: Blitzlicht.

Sanis: auch: Demo-S., autonome Sanität. Auf Demos kommt es immer wieder zu Verletzungen. Dabei ist den üblichen Rettungsdiensten /Krankenh?äusern nur bedingt zu vertrauen, da sie oftmals mit Bullen und Justiz zusammenarbeiten. Unsere S. sind in ziviler Kleidung auf der Demo und können Verletzungen versorgen. Wenn ihr Hilfe braucht: rufen! (Trotzdem solltet ihr auch selber nötige Medikamente, Wasser und Erste Hilfe Zeug mitnehmen, schadet nie.)

Sternchen oder Unterstrich? * oder _
In unserer Broschüre nutzen wir bevorzugt den Unterstrich, um die verschiedenen Geschlechter mit ihren Vergeschlechtlichungsprozessen und allem was so daran hängt abzubilden bzw. einen Freiraum zu lassen, damit jede_r die Option hat – wenigstens in diesen Texten hier – das eigene_gefühlte_Geschlecht einzusetzen. Wie jetzt die theoretisch „korrektere“ Schreibweise wäre sei hier mal dahin gestellt. Allein der Technik wegen haben wir uns für den _ entschieden.

Spitzel: Nicht zu verwechseln mit Genossinnen und Genossen, die älter sind als 35 und/oder sich anders kleiden als „die Szene“. Also seid umsichtig mit Verdächtigungen. Sp. werden von Verfassungs- und Staatsschutz eingesetzt, um politische Aktivitäten, die sich nicht unbedingt an der herrschenden Ordnung orientieren, auszuleuchten, zu verhindern und, ganz wichtig, juristisch zu verfolgen. Zum Teil sitzen sie „spontan“ in einem offenen Vorbereitungskreis, der eine Aktion plant, sie nehmen durchaus auch an Aktionen teil, andererseits begeben sie sich gezielt und über Jahre und Jahrzehnte in politische Gruppen. Kein Grund für Paranoia, aber überlegt euch, mit wem ihr welche Aktion macht.

t.i.n.a.: „There is no alternative.“ Neoliberale Leitmaxime, die die Möglichkeit leugnet, dass gesellschaftliche Verhältnisse gestaltbar sind. Nach dem t.i.n.a.-Prinzip muss sich jede Entscheidung dem kapitalistischen Markt und der Konkurrenz unterordnen. Merke: Das ist Unsinn.

Transpi: auch Transparent; ca. 3-6m langes Stück Stoff, bemalt mit politischen Forderungen, Parolen oder Rüttelreimen. Oft auch praktisch, um die eigene Gruppe wiederzufinden, als Sichtschutz und um zu verhindern, dass Bullen frech durch die Demo laufen. Manchmal durch dicke Seile oder auch Autoreifen verstärkt/gepolstert.

VoKü: Auch Volxküche, Bevölkerungsküche. Leute, die kochen. Meistens ist aber Hilfe gerne gesehen. Essen gibt es gegen Spende. Wechselklamotten: W. sind immer sinnvoll, falls deine Sachen vom Wasserwerfer nass sind oder durch Pfefferspray bzw. Farbmarkierungen der Bullen verseucht/verunstaltet. W. oder die zweite Schicht Klamotten am Körper eignen sich auch hervorragend, um gegebenenfalls das eigene Aussehen etwas abzuwandeln, falls die Situation das verlangt.

Zivi: auch: Z.-Bulle, Zivfte, Zifte . Polizeikräfte in ziviler, d.h. mehr oder weniger unauffälliger Strassenbekleidung. Mittlerweile z.T. wirklich authentisch. d.h. schwer zu erkennen. Mischen sich unter Demonstrant_innen, verfolgen z.T. gezielt und hartnäckig einzelne „Verdächtige“. Hier helfen vor allem Gruppen die sich untereinander kennen, manchmal auch => Wechselklamotten.

Pressearbeit als Linksradikale?????

In den letzten Jahren gab es immer wieder Versuche, einen für alle einigermaßen erträglichen Umgang mit der „bürgerlichen“ Mainstream-Presse zu finden. Neben der Meinung „Mit denen arbeiten wir nicht zusammen!“, gibt es immer konkretere Ideen, wie ein Umgang mit Journalisten aussehen kann. Auch wenn die Motive dazu sehr unterschiedlich sind und von „Lieber eine verkürzte Kapitalismuskritik als gar keine Gegenposition in der Zeitung“ über „Es gibt auch Zeitungen wo wir Inhalte platzieren können!“ bis zu „Auch eine schlechte Presse ist gut!“ reichen, entwickeln sich im Rahmen von großen Ereignissen Bezugsgruppen, die sich mit der Pressearbeit beschäftigen. Im großen und ganzen gibt es da einige Eckpunkte die alle berücksichtigen. Z.B., nicht Pressesprecher_in für das Camp zu sein oder im Namen des Plenums zu sprechen, das Weitervermitteln von Menschen, die zum Beispiel für eine Aktionsgruppe sprechen oder sich auf ein Thema spezialisiert haben etc.

Im Rahmen der Protesten zum G8-Gipfel in Heiligendamm gab es eine solche Pressegruppe, die sich zur Aufgabe gemacht hat, „linksradikale“ Pressearbeit im Vorfeld und während der Tage zu machen. Ich bin relativ spät dazu gestoßen – mit der Idee, mich im Camp um die Presse zu kümmern und der Position „Ich muss keine Interviews geben, das können andere besser!“

Während des Camp-Aufbaus haben wir uns ein Pressezelt im Eingangsbereich errichtet – und es ging sofort los. Alle freuten sich, dass da welche sind, die mit der Presse reden, ihr was zum Camp erzählen und die Journalist_innen über das Gelände führen. Mit so einem großen Ansturm haben wir nicht gerechnet. Die Idee, keine Interviews zu geben, war relativ schnell hops gegangen. Wir sprachendabei nicht als Pressesprecher_innen, sondern als Campteilnehmer_innen. Ob das dann wirklich immer so rübergekommen ist, weiß ich nicht. Ich hoffe es. Wir haben uns auch bemüht, schnell ein Netzwerk von Menschen aufzubauen, die auch mit der Presse reden und Interviews geben. Wir wollten verhindern, dass immer dieselbe Person zum Thema Camp spricht und so öffentlich doch zur Camp-Pressesprecher_in gemacht wird. Und ich bin heute noch erstaunt, wie sehr ein kleines, offiziell aussehendes Schild mit einen Namen wie „Susi Sonnenschein“ und darunter „Pressekontakt“ Autorität gegenüber Mitarbeiter_innen der Medien (und leider auch gegenüber einigen Campteilnehmer_innen) herstellt.

Kurz vor dem großen Ansturm bekamen wir Verstärkung von internationalen Medienaktivist_innen, was sehr cool war. Nun gab es auch die Möglichkeit, u.a. in Englisch, Spanisch, Französisch Interviews zu geben. Manchmal wollten die Medienvertreter_innen aus anderen Ländern auch einfach Leute aus „ihrem“ Land interviewen. Wir haben dann versucht, Aktivistinnen z.B. aus Schweden zu finden.

Da wir im Eingangsbereich des Camps standen, hatten viele Aktivist_innen gesehen, dass es da Menschen gibt, die sich um die Presse kümmern. Leider gab es wenig Versuche von Bezugsgruppen, Pressebegleitung für ihre Aktionen zu finden. Wir wollten diesen Service anbieten. Im Vorfeld haben wir auch Interviewworkshops angeboten, um die Hemmungen gegenüber der Presse abzubauen und Menschen auf unangenehme Fragen vorzubereiten – oder auch aufzuzeigen, dass mensch ein Gespräch mit der Presse auch abbrechen kann, wenn es eher aussichtslos aussieht und der Mensch gegenüber auf einer dummen Frage rumreitet. Wir haben uns jeden Abend zu einem Plenum getroffen und uns ausgetauscht, was den Tag gut gelaufen ist, welche Journalisten nervig waren, was es für Fragen gab, was morgen das Thema sein wird, was unsere politische Einschätzung ist etc. Da sich kein Mensch von 9 Uhr bis abends um 8 mit der Presse zu beschäftigen will, haben wir geklärt, wer wann da ist – und natürlich eine_n Delegierte überlegt, damit wir auch auf dem Camp-Plenum vertreten sind.

Es gab den Beschluss de Camps, dass ab der großen Demo am 2. Juni keine Pressevertreter auf das Campgelände kommen. Das war schon vorher so beschlossen, u.a. mit der Begründung, dass das unser Rückzugsraum ist, unser Wohnzimmer sozusagen. Da wollen wir uns wohl fühlen und nicht morgens aus dem Zelt kommen und in eine Fernsehkamera schauen. Ich finde es auch eine Frechheit das von uns Aktivisten zu verlangen, bei den G8-Vertreter_innen wird sich ja auch nicht beschwert, dass mensch nicht in ihrem Schlafzimmer gefilmt werden kann. So weit, so gut.

Oder auch nicht. Die nervigsten Diskussionen darum hatte ich mit der BILD-Zeitung, der Typ wollte unbedingt mit mir über Pressefreiheit diskutieren. Bilder hat er trotzdem nicht bekommen. Leider kam direkt danach ein Pressefotograf der taz. Na Danke! Der hat mir dann erzählt, dass ich Schuld bin, dass sie nur Bilder von brennenden Autos machen können – wenn ich noch nicht mal ihn auf das Camp lasse. Ich dachte mir: „Die spinnen doch alle!“, und brauchte danach erstmal eine Pause von Journalisten.

Was ist mit Medien

Medien

Mit Medien haben wir ständig zu tun und viele überlegen sich oft auch, wie sie ihre Aktion – unterstützt durch Photos oder Video*1, an die „Öffentlichkeit“ bringen können. Uns scheint aber, dass diese Überlegungen nicht ausgereift sind. Die Frage, die sich gestellt werden muss, ist, für wen die (leider meist symbolische) Aktion denn sein soll. Und somit, welchen Verbreitungsweg sie denn nehmen soll. Geht es um Bilder und Berichte für’s „Familienalbum“ oder soll die Aktion nur von bestimmten Szenekreisen wahrgenommen werden und dort Debatten auslösen? Oder sollen vielleicht doch Menschen informiert werden, die „normalerweise“ nicht die parolenbespickten Flugblätter in abgehobener/nicht verständlicher Sprache lesen? Für die verschiedenen Bedürfnisse gibt es auch die verschiedenen Medien.

I Die „eigenen Medien“

a) Nicht jede Presse ist böse. Es gibt einige Medien, die manche „unsere eigenen“ Medien nennen. Dazu gehören z.B. Indymedia, Freie Radios, verschiedene Filmprojekte wie z.B. Cinerebelde oder kanalB. Diese sind wichtig, denn dass „Bild“ nicht bildet und „taz lügt“ ist nichts neues. „Eigene“ Medien bieten die Möglichkeit für Hintergrundberichte und mehr als Nachrichten in drei Zeilen und bieten die Möglichkeit, die eigenen Inhalte gezielt zu veröffentlichen. Meistens geben sich „unsere eigenen“ Medien auf Demos oder Aktionsorten zu erkennen. Diese Gruppen wissen in der Regel, dass sie bewusst damit umgehen müssen und zum Beispiel in manchen Situationen besser keine Gesichter abfotografieren. (Lieber mal die Handyphotografierenden ansprechen.)

b) Bei großen Camps oder Aktionatagen bildet sich meist eine eigene „Pressegruppe“. Hier gibt es verschiedene Formen, in den letzten Jahren, zum Beispiel während der G8-Proteste 2007, folgte die Pressegruppe der Camps einem Konzept, welches personenfixiertes und intransparentes Pressesprechergehabe verhindern sollte. Diese Pressegruppen sind also nicht das gleiche wie „Pressesprecher_innen“! Sie sind/fühlen sich nicht autorisiert, für andere zu sprechen, sondern wollen Kontakte herstellen. Sie vermittelten also eher zwischen „Mainstreammedien“ und den Aktivist_innen. Falls ihr da mitmachen wollt oder falls ihr Kontakt zur „Mainstreampresse“ haben möchtet, wäre es sinnvoll sich an diese Pressegruppe zu wenden.

II Diskussionsforen/ -blätter

  • Nicht abwegig ist es, auch ein „eigenes“ Diskussionsblatt zu haben, sei es in gedruckter Form oder im Internet. Bekannte darunter sind: die Interim (Berlin), die Zeck (Hamburg), Analyse&Kritik (ak), lotta (NRW), swing (Frankfurt/Main?) etc. Hier hat jede_r die Möglichkeit, eigene Beiträge zu veröffentlichen. Sie erreichen aber eben nur einen begrenzten Kreis an Leuten.

Im Zuge der Vorratsdatenspeicherung ist es jetzt noch einigen mehr klar geworden, dass die anarchistischen Zeiten des Internets vorbei sind. Vieles wird staatlich kontrolliert. U.a. ein Grund dafür, warum Diskussionsblätter in gedruckter Form wieder mehr Anklang finden können. Es liegt in „unserer Hand“ sie selbst zu gestalten, Inhalte hineinzubringen und Beiträge zu schreiben. Eine Möglichkeit zusammen zu diskutieren, sich außerhalb der eigenen kleinen Politgruppe miteinander auszutauschen und dann vielleicht mehr zu erreichen!

  • Zu vielen Bereichen für linke Themen gibt es auch einige Broschüren wie z.B. aranca, iz3w, graswurzelrevolution, ami, fiber, aufbruch, datenschleuder, veganinfo, Anti-Atom-Aktuell etc. Wenn es bei euch einen linken Buchlade, eine Infoladen oder linkes Cafe gibt, dann schaut da doch einfach mal vorbei, vielleicht findet ihr dabei was passendes.

III Mainstreammedien

Hier stellt sich die Frage, ob der entschlossene Ruf „Kameramann – Arschloch“ auf einer Demo als Umgang mit den bürgerlichen Medien ausreichend ist. Einen bewussten Umgang mit Mainstreammedien zu finden, kann durchaus sinnvoll sein (auch wenn sich damit besser nicht der weit verbreitete Glaube verbinden sollte, die herrschenden Verhältnisse könnten dadurch verändert werden, dass „die Wahrheit“ in der Zeitung steht). Es ist vor allem wichtig, dass die Kritik an den herrschenden Verhältnissen sichtbar wird, dass wahrgenommen wird: Da gibt es Widerstand, Widerstand ist möglich! Um diese Botschaft zu transportieren, kann die „Mainstreampresse“ ganz nützlich sein. Wir sollten nicht davon ausgehen, dass sie das schreiben, was wirklich stattfand – oder was wir gerne in der Presse hören/lesen/sehen würden. Darauf haben wir nicht wirklich einen Einfluss, darauf kommt es aber auch nicht immer an. Wir sollten die Relevanz der Medien also nicht überschätzen, Aktionen sollen schließlich keine reinen „Medienereignisse“ sein.

noch was zu handyphotos etc.: Bilder für’s „Familienalbum“ auf der Demo zu machen, stört einige Leute, also lasst es lieber! Wenn es um einen z.B. Indymediaartikel geht, denkt bitte daran, das Gesicht und Form ganz unkenntlich zu machen. Genauso bei Filmen und am besten auch die Metadaten der Bilder/ Filme löschen. Wenn ihr das nicht könnt, dann lernt es oder lasst es lieber bleiben. Ihr gefährdet sonst euch oder/ und andere damit.

Technik und Technix

1. Die Landkarte

Zur Orientierung sollte mensch topographische Karten benutzen. Auf ihr sind die Straßen, Häuser, Flüsse, Fußballfelder und Wälder durch Symbole dargestellt. Dadurch ist sie viel übersichtlicher zu lesen als eine Luftaufnahme des betreffenden Gebietes. Neben der Karte sind in einer Legende die Symbole mit Erklärungen aufgeführt, dort findet mensch auch Angaben über die Höhen- und Tiefenlinien. Sie stellen auf der Karte Berge und Täler dar, nach denen mensch sich, mit etwas Übung, in der Landschaft orientieren kann.

2. Orientierung

Um nach einer Karte laufen zu können, muss mensch wissen, wo mensch sich auf ihr befindet. Die Orientierungsfähigkeit ist von Punkten abhängig, die so markant sind, dass mensch sie auf der Karte leicht identifizieren kann. Was auch zur besseren Orientierung beiträgt, ist das Einnorden der Karte. Das bedeutet, dass der Norden der Karte mit dem Norden in der Landschaft in Deckung gebracht wird. Auf der Karte ist (meistens) Norden oben! Die in der Karte dargestellten Objekte und Geländeformationen liegen dann in der gleichen Richtung, wie ihr sie in Natura seht. Mensch kann sich an vielen Dingen in der Landschaft orientieren, um sich einzunorden:

a) Sonnenstand

Für die BRD gilt etwa: – 6:30 Uhr im Osten, – 12:30 Uhr im Süden, – 18:30 Uhr im Westen

b) Alte Kirchen

Das Kirchenschiff weist nach Osten (nach Moskau).

c) Der Kompass

Hinweis: Die Kompassnadel wird durch metallische Objekte in der direkten Nähe abgelenkt. Dies kann z.B. im Auto ein Problem sein.

Lichthinweise

Wer Nachts im Dunkeln unterwegs ist, sollte möglichst eine Taschenlampe dabei haben – klar. Gut wäre es aber, wenn diese nicht weißes, sondern nur rotes Licht ausstrahlt, wie eine Fahrradrücklampe. Rotlicht blendet das ans Dunkel angepasste Auge fast nicht, im Gegensatz zu weißem Licht. Deshalb wird Rotlicht bei Nacht bzw. bei Dunkelheit allgemein auf Schiffen und auch in Flugzeugen angeschaltet, damit die Augen der Besatzungen nicht geblendet werden und die Dunkelanpassung des Auges erhalten bleibt. Zudem ist rotes Licht längst nicht so weit sichtbar, wie weißes Licht. Wenn dann noch versucht wird, das Licht möglichst selten anzumachen und mensch sich sehr leise bewegt, fällt mensch fast nicht mehr auf. Beim Karten lesen mit Rotlicht ist zu beachten, dass die unter schiedlichen Linienfarben nur sehr schwer zu unterscheiden sind. Es hat sich nachts im Wald bewährt, sich mit seiner Bezugsgruppe an den Händen zu fassen. So geht keineR der Gruppe verloren, wenn mensch nichts mehr sieht.

Funktionsweisen technischer Hilfsmittel im Dunkeln Nachtsichtgeräte sollen die visuelle Wahrnehmung in Dunkelheit oder Dämmerlicht verbessern oder ermöglichen überhaupt erst eine Bilderkennung. Restlichtverstärker und Wärmebildkameras sind im Gegensatz zum Einsatz von Infrarotscheinwerfern passive Systeme, deren Einsatz kann also nicht von anderen wahrgenommen werden kann, da sie nur Licht empfangen.

Weiterhin gibt es noch verschiedene andere Geräte: Bedenkt, dass diese gerne von der „Gegenseite“ eingesetzt werden.

a) Infrarotscheinwerfer

Ist kein ausreichendes sichtbares Licht für einen Verstärkungseffekt mehr vorhanden oder ist es nebelig, wird häufig eine Infrarot (IR)-Lampe zugeschaltet.

b) Restlichtverstärker

Es gibt je nach Entwicklungsstand verschiedene Arten, die das Sehen bei sehr schwachen Lichtverhältnissen ermöglichen, indem sie das vorhandene schwache Licht verstärken. Der Kern jedes Nachtsichtgerätes ist eine Röhre, bei der auf der Eintrittsseite auftreffendes Licht elektrisch vorgespannte Elektronen auslöst, die bei der Austrittsseite auf einen meist grünlichen Leuchtschirm auftreffen und dort ein wesentlich helleres Bild erzeugen.

c) Wärmebildgeräte

Zusätzlich können zum Beobachten bei Dunkelheit oder schlechter Sicht Wärmebildgeräte genutzt werden. Sie nutzen die Wärmeabstrahlung von Körpern. Die unterschiedlichen Temperaturen werden verschiedenfarbig dargestellt. Wärmebildgeräte haben gegenüber Nachtsichtgeräten den Vorteil, dass weder Restlicht vorhanden sein, noch eine (IR-)Lichtquelle eingesetzt werden muss. Weiter können mit ihnen auch tagsüber optisch gut getarnte Objekte in vielen Fällen aufgrund der Wärmesignatur leicht erkannt werden. Ein Verstecken von Wärmequellen ist – vor allem bei niedrigen Außentemperaturen – nur mit sehr viel Aufwand möglich.

Essen und Trinken

Energie ist eine wichtige Sache bei körperlichen Aktivitäten und wird gerne vergessen. Schwierig ist es manchmal an welche heranzukommen – also denkt vorher dran und nehmt einfache Sachen wie Müsliriegel und Schokolade mit. Durst ist ein Indikator für verloren gegangene Mineralien. Während im geregelten Leben ausreichend Mineralien über Lebensmittel aufgenommen werden können (und eine Apfelschorle ist immer noch das beste Getränk im Sportbereich), dienen Mineraltabletten bzw. -Getränkepulver bei starkem Flüssigkeitsverlust als wichtige Voraussetzung für anhaltende Leistungsfähigkeit.

Das „Zwiebelprinzip“

Um bei Outdoor- Aktivitäten, aber auch allen anderen Aktivitäten im Freien richtig angezogen zu sein, sollte mensch sich am Besten nach dem „Zwiebelprinzip“ kleiden. Letztlich heißt das, dass mensch mehrere dünne Lagen Kleidung übereinander trägt.

Auch Kopf, Hände und Füße schützen

Der Kopf ist ein besonders empfindliches Körperteil, besonders auch, wenn es um Hitze oder Kälte geht. Trotzdem wird er bei der Zusammenstellung der Ausrüstung gerne vernachlässigt. Wenn es kalt ist, verliert mensch über den Kopf besonders viel Wärme. Auch bei Hitze oder hoher Sonneneinstrahlung ist der Kopf besonders gefärdet. Hier merkt mensch, besonders bei viel Sonne in ansonst kühler oder windiger Umgebung, die Schäden oft erst, wenn es zu spät ist. Ein Hitzeschlag oder Sonnenstich kann lebensgefährlich sein.

Ein weiteres Probelm können nasse Füße sein, gerade wenn es regnet und mensch über längere Zeit im Freien ist. Deshalb sind feste, wasserdichte Schuhe zu empfehlen. Vielleicht diese auch mal Nachfetten. Darüber hinaus müssen die Schuhe passen. Nehmt keine Schuhe, in denen ihr noch nie längere Zeit/ Strecke gelaufen seid, sonst gibt es leicht Blasen. Feste Schuhe, möglichst Knöchelhoch, sorgen für viel Halt beim Gehen im Wald, beim Sprint, etc. Ein ausgeprägtes Profil schützt vorm ausrutschen, Stahlkappen vor plattgetretenen Zehen, doch entziehen sie im Winter den Füßen durch die gute Wärmeleitung auch viel Wärme. Z.T. gehen die Bullen aber soweit, dass sie Stahlkappen als „passive Bewaffnung“ auslegen und deshalb Leute festnehmen. Dazu müssen sie die Stahlkappen aber erst erkennen, was bei vielen Schuhe schwer fällt.

Ein weiterer Vorteil von Zwiebelschichten ist es, dass mensch sein äußeres Erscheinungsbild schnell verändern kann.

Es gibt auch schlechtes Wetter

In der Stadt kann mensch sich, wenn dann doch mal nicht so stark auf angemessene Kleidung geachtet wurde, schnell ins Autonome Zentrum, die nächste befreundete WG oder einfach in ein Cafe flüchten.

Schon in einer fremden Stadt wird dies komplizierter und erst recht, wenn gar keine Bebauung vorhanden ist. Wenn dann der Aktionstag ein ganzer „Tag“ wird, sollte mensch sich im Vorfeld Gedanken um die Klamotten machen. Dabei sind die Temperaturen und das Wetter ein wichtiges Auswahlkriterium. Ein anderes ist die Auffälligkeit auf dem Weg zur Aktion (Stadt, Land, Fluss), auf der Aktion und auch auf dem Weg von der Aktion weg. Je länger der Tag wird, desto vielseitiger werden die Anforderungen und auch die körperlichen Aktivitäten – schnelles gehen, rumstehen beim Plenum, sprinten, etc wechseln sich ab. Dementsprechend wechseln das Wärme- und Kältegefühl. Die Klamotten sollten möglichst in allen Situationen angemessen sein. Wetterbericht anschauen hilft auch manchmal.

Die Demosanigruppe rät…

Hier soll nur kurz auf die erste Hilfe eingegangen werden. Während vieler Demos sind ÄrztInnen und Demo-SanitäterInnen unterwegs, nicht zu verwechseln mit dem offiziellen Roten Kreuz. Demosanis wollen eine selbstorganisierte medizinische Versorgung (incl. eigener Rettungswägen) sicherstellen und die Anonymität von Verletzten aus den hinreichend bekannten Gründen wahren. Bei vielen Aktionen, gerade in ländlichem Gebiet, sind aber häufig keine Sanis am Start. Deshalb muss im Ernstfall von euch die erste Hilfe geleistet werden. Sinnvoll ist es ja sowieso, dass ihr euch wiederkehrend mit erster Hilfe befasst und auch Verbandszeug mitnehmt.

Wenn kein Sani in der Nähe ist: Ausführlich wird in der Broschüre „Ruhig Blut! Selbstschutz und erste Hilfe“ auf typische Verletzungen bei Demos und Aktionen eingegangen. Blut hinterlässt immer großen Eindruck. Viele Leute werden von der roten Signalfarbe geradezu angezogen. Das führt natürlich auch dazu, dass „kleine“ Verletzungen eher überschätzt werden. Ihre Versorgung kann meist auch später geschehen. Fast immer aber ist für eine Verletzte Ruhe und Schutz wichtig. Bildet mit Umstehenden Kreise um die Verletzten, damit sie geschützt sind und die Sanis arbeiten können, aber steht nicht im Weg. Helft ggf. mit, Verletzte aus der Gefahrenzone zu bringen. Unterschätzt werden manchmal Situationen, in denen kein Blut zu sehen ist. Bauch- oder Brustkorbverletzungen, Atemprobleme, schwere Blutzuckerentgleisungen sind nur ein paar Beispiele. In gängigen Erste-Hilfe-Broschüren und Infos der Demosanis (s.o.) findest du Anleitungen für den Umgang damit. Versuche immer, Dir schnell ein klares Bild zu machen. Gehe dazu immer nach demselben Schema vor:

  • Reagiert die verletzte Person auf Ansprache und Berührung?
  • Atmet sie angemessen?
  • Wie ist ihr Kreislauf?
  • Kannst Du schwerwiegende Blutungen sehen?

Du solltest die Gegenmaßnahmen bei lebensgefährlichen Störungen kennen und können. Bei allen lebensbedrohenden Zwischenfällen rufe sofort professionelle Hilfe (112)! Dazu ist auch die anwesende Polizei verpflichtet. Falls du verletzt ins Krankenhaus musst, bist du nicht verpflichtet, im Rettungswagen deinen Namen zu nennen. Solltest du verletzt festgenommen worden sein oder tritt in Polizeigewahrsam eine rapide Verschlechterung deines Gesundheitszustandes ein, empfehlen wir, auf die sofortige Behandlung durch eineN niedergelassene/n ÄrztIn zu bestehen (kein PolizeiDoc?) Nimm möglichst immer Verbandzeug und eine Augenspülflasche mit Wasser mit! CN/CS und Pfefferspray: Diese Kampfstoffe wirken auf die Haut und auf die Schleimhäute der Augen und der Atemwege. Menschen mit Vorerkrankungen an diesen Organen sind deshalb besonders gefährdet, da schon geringste Mengen Kampfstoff heftige Reaktionen auslösen können . CN/CS besteht aus kleinen Kristallen, die bei direkten Augentreffern zu Verletzungen der Hornhaut führen können. Solche Verletzungen der Hornhaut sind auch möglich beim Tragen von Kontaktlinsen, denn die Kristalle scheuern zwischen Linse und Hornhaut. Deshalb sollte auf Aktionen möglichst auf Kontaktlinsen verzichtet werden.

Out Of Action – emotional support

Der folgende Text ist von der Gruppe „out of action“.

Wer wir sind.

Wir verstehen unsere Gruppe als einen Teil der Antirepressionsstruktur und des internationalen Activist Trauma Support-Netzwerks. Unser Anliegen ist es, über die vielfältigen und manchmal auch langfristigen psychischen Folgen von Repression zu informieren und damit vorzubeugen. Gleichzeitig wollen wir vor Ort bei den politischen Protesten „emotionale Erste Hilfe“ anbieten (z.B. beim G8-Gipfel in Heiligendamm). Um zu uns zu kommen, musst Du nicht unbedingt die „krasse Action“ erlebt haben, sondern es kann ja auch einfach mal sein, dass es Dir (aus welchen Gründen auch immer) schlecht geht oder Du einfach nur einen ruhigen Ort brauchst. Physische Wunden erfahren in der Regel viel Aufmerksamkeit, doch psychische Wunden sind genauso behandlungsbedürftig. Auch das bloße Mitansehen von Gewalt kann zu einer Traumatisierung führen. Oft werden Menschen mit emotionalen Schwierigkeiten als „zu schwach“ stigmatisiert. Doch diese Erfahrungen sind kein privates Problem. Letztendlich ist eine funktionierende Bezugsgruppe, in der es einen bewussten Umgang mit Gefühlen wie Angst, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Panik usw. gibt, die beste Prävention.

MÖGLICHE REAKTIONEN NACH EINEM TRAUMA

Die folgenden drei ‚Phasen‘ können in beliebiger Reihenfolge nach-, nebeneinander oder auch gleichzeitig auftreten, manchmal tun sie oder einzelne von ihnen es auch überhaupt nicht:

  1. Wiedererleben des Erlebten Alpträume, Flashbacks, intrusive (immer wiederkehrende) Erinnerungen, das Gefühl, dass das Erlebte einen nicht mehr los lässt, etc.
  2. Vermeidung-/ Verdrängungsverhalten Erinnerungsverlust, erhöhter Alkohol/ Drogenkonsum, Selbstisolierung, Vermeidung von allem, was mit dem Erlebten zu tun hat oder einen daran erinnert, Aufbau einer Distanz zu dem Geschehenen etc.
  3. Übererregbarkeit Schlaflosigkeit, Gereiztheit, Gefühls- und Wutausbrüche, Angst, Panik, Konzentrationsschwierigkeiten, Schreckhaftigkeit, etc.

WIE DU ANDERE IN DEINER BEZUGSGRUPPE UNTERSTÜTZEN KANNST

– Warte nicht, bis Du um Hilfe gefragt wirst, sondern sei einfach für sie/ihn da. Gib nicht auf, auch wenn Du vielleicht das Gefühl hast vor einer Mauer zu stehen. – Die Tage direkt nach der Erfahrung sind besonders wichtig zum Reden, danach wird oft „zugemacht“. – Vielleicht fühlst Du Dich unsicher und weißt nicht, wie Du Dich verhalten sollst. Informiere Dich über Trauma, um die Reaktionen besser verstehen zu können. Einfach “normal“ sein, ohne zu bemitleiden und ohne aufdringlich zu sein, kann viel helfen. Bemühe Dich gleichzeitig den Reaktionen gegenüber tolerant zu sein. Das Wichtigste ist, dass Dein_e Freund_in sich in Deiner Gegenwart wohl und sicher fühlt. – Traumatisierte Menschen isolieren sich häufig und haben Schwierigkeiten, um Hilfe zu bitten. Sie wollen kein Mitleid, sondern Verständnis, keine aufgedrängte Hilfe, sondern Einfühlungsvermögen. – Vergiss nicht, dass Menschen nach traumatischen Erlebnissen anfangs oft OK erscheinen und die Reaktionen erst später auftreten können. – Sei ein_e gute Zuhörer_in. Vermeide es, zu bald, zu lange und zu viel zu reden. Oft tendieren wir dazu Rat zu geben, anstatt wirklich zuzuhören. Durch einen Mangel an Unterstützung können die Reaktionen verstärkt werden, was als so genannte „sekundäre Traumatisierung“ bezeichnet wird. (Dass von Täter_innen keine gute Behandlung zu erwarten ist, ist klar, aber wenn irgendwer hinterher das Gefühl hat, seine/ihre Freund_innen sind nicht für ihn/sie da, bricht die ganze Welt zusammen.) Diese sekundäre Traumatisierung kann oft schwerwiegender sein, als das Erlebte und ist daher äußerst ernst zu nehmen. Achte darauf, dass Dein_e Freund_in sich nicht allein gelassen fühlt.

– Gute Therapeut_innen können helfen. Mit einem gebrochenen Bein gehst Du ja auch zum Arzt… Ein Trauma ist sozusagen eine psychische Wunde. Der/die Therapeut_in sollte Erfahrung mit Trauma-Arbeit haben. Sonst bringt es oft nicht viel – auch für Dich gilt – diese Zeit kann sehr schwer sein, aber sie geht vorbei. Pass auf Dich auf und sei gut zu Dir. Rede mit wem darüber, wie es DIR geht.

Es ist an der Zeit, uns darum zu kümmern – nicht alleine, nicht im Privaten, sondern zusammen als solidarische Bewegung! Genauer informieren könnt Ihr euch unter: http://wiki.dissentnetwork.org/wiki/Trauma Persönlich sind wir zu erreichen unter: mail@outofaction.net

Anmerkung der Red.: Die Gruppe re.ACTion hat 2007 das Büchlein „Antisexismus reloaded – Zum Umgang mit sexualisierter Gewalt – ein Handbuch fuer die antisexistische Praxis“ herausgebracht (Unrast Verlag, Muenster 2007). Dieser Leitfaden richtet sich sowohl an Menschen, die sich noch nicht mit dem Thema auseinandergesetzt haben als auch an solche, die Erfahrungen im Umgang mit sexualisierter Gewalt gemacht haben. Hier werden die entscheidenden Punkte angesprochen, kontextualisiert und Vorschläge für einen reflektiertes Handeln dargestellt, d.h. Grundlagen zu Definitionsmacht, Parteilichkeit, Veröffentlichung, Unterstützer_innengruppe, Umgang in Politgruppen, Täterumgang, etc.