23. Out of Action – Emotional Support

Worum geht es?
Wer gegen bestehende Herrschaftsverhältnisse Widerstand leistet, ist mit Repression konfrontiert: Von körperlich und psychisch gewalttätigem Vorgehen der Polizei bis juristischer Kriminalisierung, Überwachung oder Freiheitsentzug. Das hat Auswirkungen auf uns Aktivist*innen. Neben leichter greifbaren Folgen wie einer blutigen Nase oder finanzieller Last gehören auch emotionaler Stress und psychische Belastungen bis hin zum Trauma dazu. Auch das ist Ziel von Repression und Gewalt. Menschen sollen langfristig eingeschüchtert und ihnen ein Gefühl der Ohnmacht vermittelt werden. Von solchen präventiven Einschüchterungsmaßnahmen sind häufig besonders jüngere Aktivist*innen betroffen.

Wir brauchen einen solidarischen Umgang mit den unterschiedlichen Reaktionen und psychischen Folgen von Repression, der auf die jeweiligen Bedürfnisse der Betroffenen eingeht. Ein offener Umgang mit Emotionen, wie Ängsten oder Überforderungsgefühlen, verhindert den Ausstieg oder Rückzug von Betroffenen und arbeitet aktiv gegen eine Kultur von Härte und Leistungsdenken.

Die Emotionale Erste Hilfe-Gruppe Out of Action kämpft gegen diese Effekte von Gewalt und Repression und für einen offenen, solidarischen Umgang miteinander. Wir möchten Informationen zum Thema zugänglich machen und bei der Bewältigung schwieriger Situationen unterstützen.

Nicht jede Gewalterfahrung (selbst erlebte oder mit angesehene) führt zu einer längerfristigen Belastung oder gar einem Trauma. Reaktionen sind sehr unterschiedlich und hängen von verschiedenen Faktoren ab. Gute Unterstützung aus dem Umfeld / der Bezugsgruppe ist definitiv extrem wichtig, um schwierige Situationen gut zu verarbeiten. Folgen von Repression, auch die emotionalen, sind keine Privatsache. Sie gehen uns alle an und gemeinsam können wir ihnen etwas entgegensetzen.

Im Folgenden geben wir einen kurzen Überblick, wie Reaktionen auf belastende Situationen aussehen können, was ihr als Gruppe, für Freund*innen oder/und für euch selbst tun könnt. Adressen von Out of Action-Gruppen bundesweit, wie und wo ihr uns erreichen könnt, stehen am Ende des Textes.

Mögliche Reaktionen nach einem Trauma
Die hier genannten Reaktionen können in beliebiger Reihenfolge, nach- oder nebeneinander oder gleichzeitig auftreten. Nicht immer treten alle oder viele der Reaktionen auf, es können auch einzelne als starke Belastung empfunden werden.

 

 

Wiedererleben des Erlebten

  • Nicht in der Lage sein, aufreibende Bilder und Erinnerungen beiseite zu legen; Flashbacks (das Gefühl, wieder in der erlebten Situation zu sein); Albträume
  • Vermeidungs-/Verdrängungsverhalten
    Erhöhter Alkohol/Drogenkonsum; sich zurückziehen und isolieren; soziale Aktivitäten reduzieren; Erinnerungsverlust; Vermeidung von allem, was mit dem Erlebten zu tun hat oder einen daran erinnert; Aufbau einer Distanz zu dem Geschehenen; Veränderung von Ess- und Schlaf- sowie von sexuellen Gewohnheiten
  • Übererregbarkeit
    Schlaflosigkeit; Unruhe; Gefühls- und Wutausbrüche; Konzentrationsschwierigkeiten;
    Schreckhaftigkeit; Reizbarkeit; Ärger; unkontrolliertes Weinen; Magenschmerzen;
    Übelkeit; Muskelspannung; Furcht; Ängstlichkeit; übertriebene Wachsamkeit
  • Möglich sind auch
    – Panikattacken; Schuldgefühle; Scham; Selbstbeschuldigung
    – Keine Freude am Leben haben; sich allein/verlassen, taub oder abgeschaltet fühlen; Unfähigkeit Entscheidungen zu treffen
    – Das Infragestellen von politischem Engagement und zwischenmenschlichen Beziehungen
    – Gefühl, dass das Leben keinen Wert/Sinn mehr hat
    – Hochkommen von Erinnerungen an vorhergehende Traumata; nicht daran glauben, dass diese Phase jemals vorbei gehen wird; keine Pläne für die Zukunft machen

Manchmal tauchen die Reaktionen auch erst viel später auf (Wochen oder sogar Jahre nach dem Ereignis). Durch unser Verhalten können wir uns und andere bei der Verarbeitung von solchen Erfahrungen unterstützen. Ein Ziel ist dabei, die belastende Situation in das Leben der Betroffenen zu integrieren – denn sie kann die Person verändern und nicht ungeschehen gemacht werden. Menschen reagieren jedoch sehr unterschiedlich auf ein belastendes Erlebnis.

Was ihr als Gruppe tun könnt

  • Redet VOR einer Aktion darüber, wie gut oder schlecht ihr euch gerade fühlt und wo eure Grenzen sind. Werdet euch darüber einig, von wem ihr in unvorhergesehenen Situationen Unterstützung erwartet – auch wenn ihr plötzlich „raus“ wollt und einen Menschen braucht, der bei euch bleibt. Bildet Bezugsgruppen und passt aufeinander auf!
  • Nehmt euch Zeit, um nach einer Aktion darüber zu reden, was passiert ist. Gebt allen, die von euch dabei waren und darüber reden möchten, Raum, um zu erzählen, wo sie waren, was sie gemacht, gesehen, gehört und was sie dabei gefühlt/gedacht haben. So kann mensch die Geschichte vervollständigen und besser verstehen.
  • Nicht nur verletzte Menschen brauchen Unterstützung, auch Unterstützer*innen sollten auf ihre Bedürfnisse und Grenzen achten und entlastet werden.

 

Wie du deine Freund*innen unterstützen kannst

  • Vielleicht fühlst du dich unsicher und weißt nicht, wie du dich verhalten sollst. Einfach „normal“ sein, ohne zu bemitleiden und ohne aufdringlich zu sein, kann viel helfen. Bemüh dich gleichzeitig den Reaktionen gegenüber tolerant zu sein. Wichtig ist auch, dass dein*e Freund*in sich in deiner Gegenwart wohl und sicher fühlt.
  • Vergiss nicht, dass Menschen nach belastenden Erlebnissen anfangs oft „ok“ erscheinen und die Reaktionen erst später auftreten können.
  • Versuch ein*e gute*r Zuhörer*in zu sein. Das heißt auch: kein Bohren oder die Person zum Reden drängen, Zurückhaltung mit gut gemeinten Ratschlägen.
  • Manche brauchen Unterstützung im Alltag mit kleinen Dingen. Kochen, Abnehmen von Verantwortlichkeiten etc. können sehr hilfreich sein, aber achte darauf ihre*seine Selbstbestimmung nicht einzuschränken.
  • Versuche es nicht persönlich zu nehmen, wenn dein*e Freund*in gereizt reagiert oder unnahbar erscheint und mach deine Unterstützung nicht davon abhängig. Dies sind Reaktionen, die oft nach einer belastenden Situation vorkommen können.
  • Versuche geduldig zu sein. Zu sagen „Jetzt müsstest du aber langsam mal darüber hinweg sein, nimm dein Leben in die Hand“, erreicht meistens nur, dass Menschen sich unverstanden fühlen und auf Distanz gehen.
  • Auch für dich kann diese Zeit sehr schwer sein. Pass auf dich auf und sei gut zu dir. Rede mit anderen darüber, wie es DIR geht.

Was du für dich selbst tun kannst

  • Sag dir: Deine Reaktionen sind normal und es gibt Unterstützung! Nimm dir Zeit, sei geduldig mit dir und verurteile dich nicht für deine Verfassung. Innere Wunden brauchen ebenso Zeit und Ruhe um zu heilen wie äußere. Dies ist eine schwere Phase, aber sie wird vorbei gehen.
  • Nach einer belastenden Erfahrung: Geh an einen Ort, an dem du dich sicher und wohl fühlst. Versuche dich zu erholen und lass zu, dass sich Menschen um dich kümmern.
  • Bewegung baut Stress ab. Spazieren oder Laufen zur Beruhigung tut manchmal besser als sich hinzusetzen.
  • Versuche dich nicht zu isolieren. Wende dich an deine Freund*innen, denen du vertraust und sag, dass du Unterstützung brauchst.
  • Eine häufige Reaktion ist, dass es dir weh tut, wenn andere damit besser fertig zu werden scheinen als du. Mach dir bewusst, dass Menschen unterschiedlich reagieren.
  • Die Stärke der Reaktionen kann auch mit vorherigen Traumata und Belastungen zusammenhängen. Es ist kein Zeichen von Schwäche, nach einer Verletzung Schmerzen zu haben.
  • Dich für das Geschehene selbst verantwortlich zu machen, ist eine Reaktion, die mit einem Trauma oft einhergeht. Mach dir klar, dass das Geschehene nicht dein Fehler ist – die Schuld liegt bei den Täter*innen.
  • Familie und Freund*innen wissen oft nicht, wie sie mit dir gut umgehen können. Sprich Sie an, wenn du ihr Verhalten nicht als hilfreich empfindest, sage, was du brauchst.
  • Tees, z.B. Baldrian, können beruhigend wirken, genauso wie Massagen und heiße Bäder.
  • Versuche herauszufinden was dir gut tut. Alkohol bzw. Drogen können sich langfristig eher negativ auswirken.
  • Um deine Reaktionen besser zu verstehen, informiere dich über das Thema Trauma.

Wir wünschen uns, dass ihr ein paar Anregungen aus diesem Text mitnehmen könnt. Lasst uns gemeinsam den Mechanismen der kapitalistisch organisierten Gesellschaft, die wir ablehnen, den Boden entziehen!

Für ein solidarisches Miteinander!

Kontakt: outofaction.blackblogs.org

Zurzeit gibt es Out of Action-Gruppen in West (von Duisburg über Wuppertal bis Dortmund), Köln, Leipzig, Hamburg, Dresden, Berlin, Frankfurt/Main und München. Wenn es in deiner Stadt keine OoA-Gruppe gibt, kannst du dich per E-Mail an eine Gruppe in deiner Nähe wenden. Unsere PGP-Schlüssel findest du auf unserer Internetseite outofaction.blackblogs.org.

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