5. Möglichkeiten einer (schnellen) Entscheidungsfindung oder „Ach du Scheiße, da ist ne Lücke in der Bullenkette!“

Konsens und Veto
Erstmal vorweg: Wir meinen, dass es wichtig ist, innerhalb einer Bezugsgruppe im Konsens zu entscheiden, sonst kann mensch auch einer Partei, einer Politsekte oder einem Verein beitreten. Zum Konsens noch ein paar Ergänzungen, da jetzt alle an ewig lange Diskussionen denken, bis alle „ja“ sagen und das letzte Komma auf dem Flugblatt eine halbstündige Diskussion erfordert hat und die Farbe vom Stoff für das Transparent zum Politikum wird… So muss es nicht sein! Hinter doofen Endlosdiskussionen stehen oft andere Gründe als die vordergründig vorgetragenen, im schlimmsten Fall persönliche Zerwürfnisse, die dann über die Schriftart auf dem Plakat ausgetragen werden. Konsens heißt für uns nicht unbedingt, dass alle einer Meinung sind, aber immer, dass alle mit der Entscheidung leben können und niemand mit ihren Bedürfnissen übergangen wird. Wichtig ist, dass keine*r ein Veto ausgesprochen hat! Dabei gehen wir davon aus, dass das Veto wirklich der letzte Weg ist, eine längere Diskussion zu beenden, weil mensch hier keine Kompromisse eingehen kann. Einerseits sind alle aufgefordert, sensibel zu sein, wenn sich Leute trauen, ein Veto auszusprechen. Andererseits solltet ihr beobachten, was passiert, wenn ständig ein Veto eingelegt wird (in welchen Situationen etc.) und ob der Punkt nicht erstmal wieder auf der Ebene darunter diskutiert werden sollte oder ein grundlegenderes Problem vorliegt.


Für eine Konsensentscheidung hat sich folgendes Vorgehen als sinnvoll herausgestellt:
1. Problem klären. Verständigt euch über die Situation und eure Einschätzung der Lage.
2. Entscheidungsfrage formulieren. Genau die Frage klären, über die jetzt ein Konsensentscheid ansteht. Unklare Fragestellungen führen zu unklaren Lösungen.
3. Runde, in der alle ihre Bedürfnisse, Ängste und Wünsche zum Thema äußern. (Hier noch keine Lösungsvorschläge)
4. Lösungsvorschläge sammeln. Genau formulieren.
5. Vorschläge diskutieren.
6. Konsensvorschlag herausarbeiten.
7. Runde, in der ein Vorschlag nach Konsensstufen persönlich bewertet wird.
8. Konsens? Wenn nicht, dann zurück zu 4.


Entscheidungen sind Prozesse
Ein Konsens kann in einer Stresssituation auch einfach und im besten Falle durch Blickkontakt hergestellt werden. Insgesamt ist es uns wichtig, den Weg zu Entscheidungen als einen Prozess zu betrachten. Es gibt zwar Techniken, die in vielen Gruppen funktionieren, aber das heißt ja nicht, dass ihr darauf Lust habt. Es heißt nicht umsonst „Bewegung kommt von bewegen“, nicht nur körperlich, sondern auch im Kopf. Viel Spaß beim Experimentieren, Diskutieren, Lachen, Kämpfen, Reden…

Es gibt natürlich die unterschiedlichsten Entscheidungen, für die sich unterschiedlich viel Zeit genommen werden kann und sollte. Um konstruktiv zu einer Entscheidung zu kommen ist es gut, sich erst einmal klar zu machen, was die Fragestellung ist. Um was soll es bei der Diskussion gehen und was muss entschieden werden? Lieber nochmal einen Schritt zurück und prinzipiell reden, als sich dann im Detail zu zerreden, wobei das Ergebnis oft ist, dass alle genervt sind. Bei „Beschlüssen” auch mal nachfragen, ob alle wirklich das gleiche meinen. Zu Themen, die alle betreffen, kann ein „Blitzlicht” gut funktionieren. Dort bekommen alle der Reihe nach den Raum, etwas zu sagen und können hören, wie jede*r zu dem Thema steht. Falls das gut zusammengefasst wird, kann daraus eine konkrete Frage zum weiter Diskutieren entwickelt werden.

Es ist auch hilfreich, wenn Menschen in der Runde sagen, dass das Thema von ihnen als nicht so wichtig erachtet wird und es dann auch okay ist, dass nur die es besprechen, denen es wichtig ist.

Schnelle Konsensentscheidungen in stressigen Situationen – ein Widerspruch?
Vielleicht warst Du/wart ihr schon mal auf einer Demo oder Aktion, ihr wolltet eine Hausverwaltung besuchen, eine Bundeswehrkaserne blockieren oder ein blödes Lobbyist*innentreffen stören? Oder ihr wollt eine Nazidemo stören und habt euch was Nettes überlegt, da ihr ja eh vor der Bullenkette herumsteht und dann wenigstens nette Bilder rüberkommen sollen. Und nun das Unmögliche: in einer Seitenstraße stehen nur wenige Cops und der Weg zur Naziroute ist frei!

Tja, was tun? Eine schnelle Entscheidung muss her! Wir wollten doch mehr als Bilder und eine direkte Aktion ist vielleicht doch sinnvoller. Schön ist es dann, mit Leuten unterwegs zu sein, die sich gut kennen ein ähnliches Level haben oder spontan den gleichen Gedanken haben. Letzteres passiert selten, wenn ihr zum ersten Mal zusammen unterwegs seid.

Es geht in solchen Situationen viel um Vertrauen, ein Gefühl füreinander oder ein spontanes „das versuchen wir jetzt einfach“. Gerade in solchen Momenten ist es wichtig, keine*n in der Gruppe zu „überrennen“ oder mit zu zerren gegen ihren/seinen Willen und sensibel zu sein für ein leises „das will ich nicht“. An solchen Punkten ist es wichtig, keine*n alleine stehen zu lassen. Schließlich wollt ihr zusammen weiter kommen, das heißt dann eben auch, dass keine*r allein gelassen wird!

Wichtig um einen Minimalkonsens herzustellen ist es, mit jeder Person wenigstens kurz Blickkontakt herzustellen und mitzukriegen, ob eine Person vielleicht Angst hat oder ablehnend reagiert. Es ist sehr wichtig, solche Signale nicht zu ignorieren. Wenn Blickkontakt signalisiert, alle sind grün mit dem Vorschlag, dann kann es losgehen. Und gut miteinander in Kontakt bleiben.

Es kommt auch vor, das ihr als Bezugsgruppe innerhalb eines größeren Aktionszusammenhangs Entscheidungen treffen müsst. Wenn sich spontan zwei Gruppen bilden – durchbrechen auf der einen, „lieber was anderes machen“ auf der anderen Seite –, warum sich nicht trennen? Das ist kein Statement zum „mensch kann sich ja beliebig teilen, und nachher sind dann alle in Zweiergruppen unterwegs“. Aber auch das kann durchaus eine Option sein. Wichtig ist mitzukriegen, ob es allen damit gut geht und dass sich nachher wieder Alle zusammenzufinden, um diese Wahrnehmung nochmal zu überprüfen.

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