6. Erfahrungsbericht aus der Kampagne „Zucker im Tank“

Der Widerstand gegen das rheinische Braunkohlerevier von RWE ist von einer sehr vielseitigen Praxis und einer stark variierenden Wahl der Aktionsformen geprägt. Anknüpfend an Erfahrungen aus dem Kampf gegen Atommüll im Wendland ist für uns diese Vielfalt der Taktiken sehr positiv, birgt aber natürlich auch Konfliktpotential. Durch den Zulauf den Ende Gelände (kurz EG) seit 2015 als Massenaktion bekam, wurde auch ein Potential für andere Formen der Organisierung freigelegt. Unsere Beobachtung war, dass sich viele Menschen durch ihre (teilweise ersten) Aktionserfahrungen mit Ende Gelände ermutigt fühlten, weiter machen wollten und so auch dezentralere Aktionen mit eigenständiger Vorbereitung denkbar wurden.

Um diese Entwicklung zu unterstützen und weil wir uns natürlich erhofften, Widerstand vielseitiger und damit unkontrollierbarer zu machen, entstand die Idee zu einem Aktionslabor. Statt auf eine großangelegte Aktion zivilen Ungehorsams zu setzen, gab es auf dem rheinländischen Klimacamp unzählige Workshops. die eine aktivistische Praxis in Kleingruppen stärken sollten. Die Strategie, Aktionswissen vor allem für Kleingruppen zu teilen, besteht im Rheinland schon sehr lange, zum Beispiel bei den regelmäßigen Skillshare-Treffen im Hambacher Forst.

Allerdings gab es bisher keine bundesweite Mobilisierung inkl. Workshops explizit für Kleingruppenaktionen an vielen Orten in Deutschland. Diese Leerstelle sollte „Zucker im Tank“ füllen. Auf dem Klimacamp (2017), wollten wir als beratende Struktur präsent sein und unser Wissen über die Feinheiten der RWE’schen Infrastruktur, die schönsten Sehenswürdigkeiten im Rheinland, verschiedene Aktionsformen und Erfahrungen mit GeSa, Knast und Repression teilen.

Nachdem Ende Gelände 2017 im Rheinland ihre Blockaden für beendet erklärte, hatten wir auf einmal mit einem Phänomen zu tun, mit dem wir in diesem Ausmaß nicht gerechnet hatten: Das Massenaktionspotential war ausgeschöpft, aber nicht das Bedürfnis weiterzumachen. Sehr viele Menschen, die durch EG angefixt und immer noch heiß darauf waren, dem Kohlemonster ein Schnippchen zu schlagen, schlugen an unserem Zelt auf. Da wir den Ansturm nicht vorhergesehen hatten, waren einige Fragen ungeklärt. Es kamen Bedenken auf, ob es vertretbar ist, sich spontan konstituierende Kleingruppen, die mit wenig bis gar keiner Vorbereitung auf dem Camp waren, mit den nötigen Infos für Aktionen zu versorgen. Wir sahen uns mit der Gratwanderung konfrontiert, einerseits die überall aufbrodelnde aktivistische Energie nicht auszubremsen und andererseits die nötigen Sicherheitsstandards zu vermitteln. Schlussendlich mussten wir dann schweren Herzens einigen Kleingruppen den Rat aussprechen, lieber mit einer längerfristigen Vorbereitung in Aktion zu treten. Auch hier wieder eine Gratwanderung, da es uns nicht darum ging, stark in den Entscheidungsprozess der jeweiligen Gruppe einzugreifen, sondern stattdessen die nötigen Informationen für deren Entscheidungsfindung zur Verfügung zu stellen.

Unser Resümee der Aktionstage 2017 im Rheinland war positiv! Und legte auch den Grundstein für darauf folgende Aktivitäten. Von uns unterstütze Kleingruppen nahmen sich, während sich in Bonn das alljährliche Ritual des großen Palavers der Klimakonferenz wiederholte, das Kraftwerk Weißweiler vor. Mit dem Resultat, dass dieses vollständig vom Netz genommen werden musste und sogar am Folgetag ein Kraftwerksblock nicht wieder hochgefahren werden konnte. Technische Blockaden (Lock-Ons, Tripods etc.) funktionieren, wenn sie aufwändig und schwer zu räumen sind, aber auch, wenn ihr Ort und der Zeitpunkt für Überraschung sorgt. Während der angekündigten Aktionstage im Rheinland ist die bereits eingeplante technische Einheit viel schneller zur Stelle, als wenn unter der Woche während der Klimakonferenz ein Kraftwerk geblockt wird, dass bisher kaum im Fokus aktivistischer Umtriebe stand. Damit hatten wir erreicht, was auch Ende Gelände im Sommer gelungen war, allerdings mit viel geringerem personellem Aufwand – und leider auch nicht mit derselben medialen Aufmerksamkeit.

Sowohl hier, als auch in anderen Bereichen ist auf jeden Fall noch Luft nach oben. Stellen wir uns vor: untereinander vernetzte Kleingruppen versetzen der Maschinerie an verschiedenen Schwachstellen Schläge, das passiert vielleicht in unterschiedlichen Städten. Die einen konzentrieren sich auf die Logistik und blockieren Warenströme in Häfen oder auf Straßen, andere kümmern sich um die dreckige Energie der kapitalistischen Warenproduktion. Das Ganze findet nicht nur an unterschiedlichen Orten statt, sondern ist auch zeitlich aufeinander abgestimmt. Ist eine Blockade geräumt, beginnt an anderer Stelle die nächste. Wenn wir unserer Fantasie freien Lauf lassen, ist noch vieles möglich. Was es dafür braucht, ist ein Selbstermächtigungsprozess in verschiedenen Bereichen und gut vorbereitete Kleingruppen.

Mit unserer Kampagne wollen wir auch weiterhin erreichen, dass sich gerade Menschen, die noch wenig Erfahrung in Kleingruppenaktionen haben, das nötige Wissen und die Fähigkeiten aneignen können, um selbst auch längerfristig direkte Aktionen durchzuführen. Kleingruppen haben den Vorteil, dass oft eine hohe Vertrautheit und Affinität unter ihren Mitgliedern besteht. Ihre Merkmale können gute und intensive Vorbereitung, schnelles Reagieren auf unerwartete Entwicklungen, nachsichtiges und fürsorgliches Verhalten untereinander oder (möglichst) herrschaftsfreie Organisierung sein. All dies sind allerdings keine zwangsläufigen und ausschließlichen Merkmale von organisierten Kleingruppen. Auch in informellen Kleingruppen kann es dazu kommen, dass sich Hierarchien herausbilden und durchsetzungsfähigere Personen den Ton angeben. Da der Zusammenhang aber übersichtlicher ist, besteht mehr Zeit und Raum damit alle Personen gehört werden und Hierarchien abgebaut werden können. Aber auch ein achtsamer Umgang innerhalb der Gruppen ergibt sich nicht zwangsläufig, sondern muss erarbeitet werden. Die Angebote der Kampagne „Zucker im Tank“ fokussieren sich bisher sehr stark auf den aktionistischen Aspekt von Kleingruppen. Fragen, die auch für die Zukunft interessant sein könnten, sollten sich auch darum drehen, wie wir uns um Menschen aus unserer Gruppe kümmern, die ausgebrannt oder traumatisiert sind (→ siehe Out of Action). Wie wir Wege finden um inklusiv zu sein, aber gleichzeitig Fragen von Sicherheit und Vertrautheit nicht außen vor lassen. Welche Möglichkeiten der Konfliktlösung es gibt und vieles mehr. Eins ist auf jeden Fall sicher, wir kommen wieder und werden mehr.

Mehr über uns findet ihr auf www.zuckerimtank.net

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