7. Für ein solidarisches Scheitern

Wie hier im Heft an mehreren Stellen erläutert wird, finden sich Bezugsgruppen sehr unterschiedlich und aus verschiedenen Gründen zusammen. Gerade auch bei temporär angelegten Bezugsgruppen kommt es vor, dass sich die einzelnen Personen aus dem Zusammenhang nicht so gut kennen und sich daher nicht immer richtig einschätzen können. (→ siehe Vorbereitung und Nachbereitung von Aktionen)

Dann gilt: umso weniger ihr euch kennt, umso mehr müsst ihr miteinander klären, auch um zu sehen, ob ihr als Gruppe überhaupt zusammen passt. Nur weil alle in der Gruppe das vermeintlich gleiche Ziel haben, z.B. für ein Camp gemeinsam kochen, heißt das noch lange nicht, dass es davon eine einheitliche Vorstellung gibt. Ohne klare Absprachen denken die einen vielleicht, dass so viel wie möglich containert und der Rest so billig wie möglich eingekauft werden sollte. Die nächsten gehen davon aus, dass mit den Höfen aus der Umgebung zusammen gearbeitet und möglichst saisonal und bio eingekauft werden müsste. Andere wollen nur Produkte aus solidarischer Ökonomie und im Zweifel auch von weit weg importiert besorgen.

Alle haben für ihre Ideen und Ansätze ihre berechtigten Gründe. Wichtig ist in so einem Fall eine ausreichende Vorbereitung, denn es braucht genug Zeit, um all die verschiedenen Herangehensweisen und Vorstellungen zu klären, damit es nicht zu großem Frust kommt. Aber leider mangelt es sehr oft an der Zeit dafür, denn wir haben noch verschiedene andere Politgruppen, Lohnarbeit, Kinder, Fernbeziehung oder was auch immer zu managen und können/wollen uns nicht ausschließlich um die eine Aktion kümmern. Innerhalb unserer Lebensrealität für genügend Vorbereitungszeit in Form von ausreichenden Treffen zu sorgen, ist daher oft nicht leicht. Bei den kurzen Absprachen ist es schwierig herauszufinden, inwieweit alle das gleiche wollen bzw. erwarten und die Hoffnung besteht oft, dass das schon alles laufen wird.

In euren ersten Treffen schien es vielleicht, als ob ihr gut zusammen arbeiten könntet. Doch während der Durchführung eurer Aktion stellt sich heraus, dass ihr bei wichtigen Themen unterschiedliche Grundsätze und Herangehensweisen habt.

Jetzt haben sich vielleicht schon einige Probleme, Missverständnisse, Kränkungen angehäuft und es kam auf verschiedenen Ebenen untereinander zu Unmutsbekundungen, da sich die einen vielleicht falsch verstanden, die anderen nicht ernst genommen oder ignoriert, vor allem sich in den Bedürfnissen und politischen Verständnissen zurückgesetzt fühlen. Eure Kochgruppe z.B. hat Dynamiken entwickelt, die dazu geführt haben, dass die einen überwiegend einkaufen gehen, andere im Hintergrund dafür sorgen, dass es eine Struktur gibt und die nächsten regelmäßig die Inspiration für das kommende Essen beisteuern. Das kann funktionieren, wenn die jeweilige Rolle für alle passt und im günstigsten Fall so auch kommuniziert wurde.

Doch es kann auch sein, dass die einen das Gefühl haben, dass sie das meiste machen müssen, da die durchaus wichtige Arbeit im Hintergrund nicht kommuniziert wird und das vorne an der Essensausgabe, wo eh viel zu viel zu tun ist, auch gar nicht wahrgenommen werden kann. Die nächsten wollten ihre Kreativität auch gerne an den Töpfen ausleben, waren aber bei der Artikulation nicht laut genug, um gehört zu werden (und beide Gruppen sind aufeinander sauer – die eine, weil sie das Gefühl hat, dass immer sie kochen muss, die anderen, weil sie meinen, nicht an die Töpfe zu dürfen) und das mit der Art des Einkaufens (so billig oder so öko wie möglich?) wurde auch nicht geklärt sondern einfach gemacht, wie die jeweilige Person sich das so dachte.

Das Ganze ergibt einen riesigen – scheint’s gordischen – Knoten, der aber nur im Notfall zerschlagen werden sollte. Wenn es derartig klemmt, ist es wichtig inne zu halten und zu versuchen, die Probleme, Missverständnisse und Verletzungen miteinander zu klären. Nun ist es in so einer Situation oft nicht möglich alles stehen und liegen zu lassen, um in aller Ruhe die Sachen auszudiskutieren und in der Regel gibt es auch nicht genügenden Abstand zu der Situation. Zum einen, um im Beispiel zu bleiben, muss das Essen auf den Tisch, zum anderen sind die Gemüter meist zu erhitzt, um angemessen über die Situation sprechen zu können. Wenn dies z.B. auf einem Camp passiert, sollte überlegt werden, ob sich an so einem Punkt eine andere Gruppe findet, die das Kochen (temporär) übernimmt. Oder in einer verfahrenen Situation kann es durchaus eine sinnvolle Option sein, dass die Gruppe sich hier (vielleicht auch nur tageweise) trennt. Denn: je länger dieser Zustand anhält, desto mehr wächst die Unzufriedenheit.

Hier sollte nicht falsches Durchhaltevermögen das Leitmotiv sein, sondern das solidarische Miteinander im Vordergrund stehen. Wir wollen schließlich nicht militärisch und leistungsorientiert durchziehen, was wir uns vorgenommen haben, denn wir streben eine politische Utopie an, gemeinsam eine emanzipatorische und solidarische Gesellschaft für alle aufzubauen und dabei muss unser zwischenmenschliches Miteinander im Vordergrund stehen. Daher kann auch davon ausgegangen werden, dass andere auf dem Camp – um bei dem Beispiel zu bleiben – Verständnis dafür haben, dass es notwendig sein kann, die Arbeit erst mal ruhen zu lassen, um wichtige Diskussionsprozesse anzuschieben und durchzustehen.

Es kann dabei auch herauskommen, dass es nicht mehr möglich ist, die gemeinsame Arbeit fortzuführen. Dann sollte eine Lösung gefunden werden, mit der alle leben können. Entweder kochen die einen weiter oder vielleicht auch keine*r. Es kann auch sein, dass sich die Gruppe dreiteilt und die eine immer an den M-Tagen und die andere an den D-Tagen kocht und die dritte am Wochenende oder wie auch immer. Es gibt viele Optionen – auch viele Optionen zu scheitern. Aber sie sollten allesamt solidarisch sein.

Ist die Aktion (auch wenn sie nicht gelungen ist) beendet, ist eine gute Nachbereitung mit allen wichtig. Ursprünglich waren alle mal mit einer (vermeintlich) gleichen Idee angetreten, doch gab es viele unterschiedliche Herangehensweisen der Umsetzung und unterschiedliche Prioritätensetzungen. Möglicherweise haben auch unterschiedliche Kommunikationsstile dazu geführt, dass eine gemeinsame Aktion nicht möglich war. Aber das ist auch nichts Schlimmes (→ siehe Leistungsdruck). Schließlich macht die Vielfalt der Geschmäcker unsere Stärke aus.

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