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Burn Out statt Burn Down

Ausgebrannt sein und politische Arbeit in Gruppen

Die meisten kennen das. Immer wieder kommt es in den verschiedensten Gruppen dazu, dass sich einzelne Personen völlig aufreiben – bis hin zum Rückzug aus der Gruppe und zur Selbstaufgabe. Oft merkt es diese Person gar nicht (selbst/ sofort). Spätestens dann ist es für das Umfeld sehr wichtig einzugreifen. Gründe, um in diese Situation zu kommen, gibt es viele. Sie finden sich auf verschiedenen Ebenen.

Das „Ausgebrannt sein“ oder englisch „Burnout-Syndrom“ (engl. /to burn out/ — ausbrennen) bezeichnet einen besonderen Fall chronischer Erschöpfung. Durch ständige Frustration, das Nichterreichen eines Zieles und zu hohe persönliche Erwartungen an seine eigenen Leistungen kann es zu dieser Überlastung kommen. Dabei sind die Symptome vielfältig und können in Bezug auf Auftreten und Ausmaß individuell unterschiedlich sein. Die Symptome können Depressionen sein, aber auch Beschwerden wie Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Magenkrämpfe oder andere körperliche Beschwerden. Typische Symptome sind auch Schuldgefühle, bspw. sich nicht genügend einzubringen. Der oder die „Ausgebrannte“ erlebt die Umwelt im allgemeinen als nicht mehr kontrollierbar (was auch nicht falsch ist, schließlich sind wir in den jetzigen Verhältnissen tatsächlich in hohem Maße fremdbestimmt) und zieht sich oft völlig in sich zurück. Hilfe von außen (durch Verwandte oder Freund_innen), wird kaum noch oder gar nicht mehr angenommen. Es gibt verschiedene Ebenen, auf denen die Ursache und der Anlass für ein Ausgebrannt-sein basiert. Daher kann auch neben Hilfe von Freund_innen fachliche Hilfe vonnöten sein.

Die Ursachen sollen kurz angedeutet werden:

Die Gruppendynamik

Ein Aspekt ist die gruppendynamische Ebene. Diese entsteht unter anderem durch (zufällige Reihenfolge): a) (Wissens-)Hierarchien und fehlende Transparenz; b) Heterogenität, unterschiedliche Hintergründe, warum wer in einer Gruppe ist – unterschiedliche Ambitionen in einer Gruppe mitzumachen – die Suche nach sozialem Kontakt kollidiert mitunter z.B. mit dem politischen Anspruch; c) offene Gruppen, die deswegen oft als zu unverbindlich aufgefasst werden; d) Subgruppen, Klüngel und Mobbing; e) Politgruppe/aktive Menschen – nicht losgelöst vom Alltag zu sehen; f) Gruppenstrukturen/ Dominanzen („Arschloch“, Held_in, Sympathieträger_in); g) unterschiedliche Energiereserven und Kapazitäten werden zu wenig wahrgenommen/respektiert; h) Perfektionszwang.

Die individuelle Ebene

Eine weitere Ebene ist die individuelle Ebene und eigene „persönliche“ Struktur, wodurch es dazu kommt, dass bestimmte Menschen besonders gefährdet sind, sich völlig zu verausgaben. Dazu gehört: a) ein hoher eigener Anspruch / hohe Erwartungen an andere; b) möglicherweise stellt die Politgruppe auch die leider erfolglose Flucht aus dem beschissenen Alltag dar; c) enttäuschte Suche nach sozialem Netz; d) enttäuschte Suche nach Sinn (im Leben); e) Idealismus und Realität sind mitunter nicht vereinbar; f) eigens auferlegter Zwang, Pflichtbewusstsein; g) enttäuschte Suche nach Bestätigung; h) Helfer_innenkomplex – eigene Traumata verdrängen.

Die gesellschaftliche Ebene

Nicht zu vergessen: Wir leben in einer Gesellschaft, die einzig auf individueller Leistung basiert, in der die oder der Einzelne nichts kriegt und nichts zählt, wenn sie/er nichts leistet. Dieser Zwang, die unerbittliche Konkurrenz, welcher mensch sich individuell immer wieder aufs neue stellen muss, macht eine_n eben auch „verrückt“ und „krank“. Daher können die gesellschaftlichen Verhältnisse auch nicht ausgeklammert werden.

Wie geht es besser?

Zu diesen Ebenen kommen noch die „Probleme“, die das Arbeiten in Gruppen an sich oft erschweren. Meistens loben wir uns selber gegenseitig zu wenig oder eben nur bestimmte Leute bzw. nur bestimmte Arbeiten. Die informelle Arbeit wird oft unterbewertet, es gibt festgefahrene Rollenverteilungen in der Gruppe, doch keine klaren Zuständigkeiten. Das Private wird nicht im richtigen Maß zugelassen und persönliche Grenzen werden nicht wahrgenommen. Und auch die Repressionen von verschiedenen Seiten – vor allem staatlicherseits – sind eine Belastung für jede_n einzelne_n, wobei es wichtig ist, diese in der Gruppe zu bearbeiten.

Lösungsansätze könnten sein, die interne Strukturen zu klären, die momentanen Ziele zu klären; Sensibilität anderen und uns selbst gegenüber zu entwickeln und vor allem herrschaftsfreie Strukturen zu etablieren. Es ist auch immer wieder sinnvoll, nachzuvollziehen, was denn gerade in einer Gruppe nicht so toll läuft, vor allem diese Punkte zu bedenken (und noch viel mehr), wenn sich die Gruppe mal wieder stresst und kein Mensch weiß oder sagt, woran es liegt.

Leistungsdruck

Leistungsdruck: Der Weg ist das Ziel

+++Hier liegt begraben: Politgruppe XY. Am eigenen Anspruch zerbrochen.+++

Was bedeutet(en) mir meine Politgruppe(n)? Ein Freundeskreis und Kuschelkasten? Die Rote Zelle auf revolutionärem Weg? Soviel Mitglieder eine Gruppe zählt, soviel Motivationen, Träume, Wünsche und Ansprüche zählt sie potentiell. Wie soll dieser überindividualisierte Haufen wohl einen gemeinsamen Nenner finden? Klar, da ist am Anfang wahrscheinlich eine grobe politische (Stoß)Richtung, vielleicht auch ein Konsens über die Aktionsform. Eben der gemeinsame Wille, etwas zu tun. An diesem Etwas nicht zu scheitern, ist aber bereits die erste Hürde. Eine gemeinsame Aktion, ein fein ausgetüftelter Plan scheint als Bindeglied fungieren zu können. Das Realisieren eines tollen Planes, einer fixen Idee schweißt zusammen, die Vorstellung einer erfolgreichen Aktion gleich noch mal mehr. Aber bleibt da, selbst wenn die Aktion dann tatsächlich erfolgreich war, nicht auch Leere? Ein sich verlassen fühlen? Ohnmacht? „Was können wir schon erreichen?“ – scheint die immer wieder drängende Frage!

Und was wurde aus all den „erfolglosen“ Aktionen? Die, die den Castor nicht zum Stoppen brachten, die Zufahrtsstraße zum Gipfeltreffen nicht stundenlang blockierten, sämtliche Abschiebeknastmauern nicht zum Einstürzen brachten? All die lange vorbereiteten und gut geplanten Aktionen, die sich dann samt Material irgendwo im Wald verliefen? Verlief sich mit ihnen auch die Gruppe? Zerstreuten sich die Aktivist_innen in alle Winde? Suchten sie einzeln Zuflucht unterm Deckmantel neuer Gruppen? Waren sie erfolglos? War die Aktion, über die nichts in der Zeitung stand, erfolglos?

Jung, schön und erfolgreich?

Wir sollten unseren Erfolg und unsere Stärke nicht nur an gelungenen Aktionen messen. Was bedeutet denn zum Beispiel eine Aktion, die von einer einzelnen Person vorbereitet wurde, die dann die anderen Mitspieler_innen kommandiert? Vielleicht ist sie effektiver, vielleicht sind ihre Erfolgsaussichten größer, aber was genau ist für uns „Erfolg“ in diesem Kontext?

Wir wollen etwas erreichen, wollen, dass sich unsere Bemühungen nicht im Leeren verlaufen. Doch woran messen wir das? An der gesprengten Knastmauer? Am gestoppten Castor? Was ist das Ziel? Die Veränderung der Gesellschaft? Des Systems? Bewusstseinswandel überhaupt?  Mögliche Antworten auf diese gigantische Frage gibt es wie Sand am Meer. Die Antworten rieseln uns durch die Hand, wie trockener Sand. So richtig greifbar sind sie nicht. Aber sie geben Hinweise darauf, in welche Richtung wir gehen wollen. Der Weg ist das Ziel. Doch was ist der Weg? Wo führt er uns lang? Wo führt er uns hin?

Zusammen Druck machen

Der Aushandlungsprozess des gemeinschaftlichen Lebens, in Berücksichtigung  all unsere Anti’s,  scheint ein solcher Weg zu sein. Wir sind zum Beispiel antisexistisch oder antikapitalistisch und haben ziemlich viele verschiedene Vorstellungen davon, was das konkret heißt. Wie stellen wir uns ein „gutes, freies Leben“ vor? Mühsam und steinig sind die Auseinandersetzungen und Plena, oft gibt es stundenlange Diskussionen, oft scheinen sie zu allem Überfluss auch noch ergebnislos zu bleiben. Es kann eine_n verrückt machen: Wir wollen doch was erreichen, wollen handlungsfähig sein!

Gegenseitige Vorwürfe entstehen, die Blockierer_innen sind leicht auszumachen: „Warum blockierst Du uns mit deinen Bedenken und Ängsten? Warum weißt Du nicht Bescheid, was die G8 für Dreck am Stecken haben? Warum bist Du nicht zum Plenum gekommen? Warum bist du nicht zur Demo mitgekommen? Was, du hast die Flyer nicht kopiert? Warum trittst Du den Bullen nicht gegen’s Schienbein? Warum? Warum? Warum?“

Soviel gibt es zu tun, soviel zu machen. Das Leben ist eine riesige Baustelle , überall brennt es, überall sind wir gefragt. Wer wundert sich da noch über Leistungsdruck, selbst in der kuscheligen Bezugsgruppe, in der politischen WG? Wie viele von uns sind an ihm schon zerbrochen? Haben sich einsam und unverstanden gefühlt und träumten heimlich von einer Einraumwohnung, in der sie sich verkriechen können? Wo sind die Zeiten, in denen wir mal einfach nur in den Tag hinein leben können? Nicht immer noch fünf offene Punkte auf der ‚To Do Liste‘ zu haben, wenn wir des Nachts ins Bett gehen. Stress und Überlastung ruft eine wage Sehnsucht wach. Eine Sehnsucht, nach einem Leben ohne Leistungsdruck. Leistungsdruck, den wir uns auch selber auferlegen. Jede_r von uns.

Großer Sprung? Kleine Schritte?

Wir wollen etwas erreichen, auf die Reihe bekommen. Der Blick auf die kleinen Schritte, auf die schwer fassbaren Erfolge ist dabei enorm eingeschränkt. Auch sie rieseln uns durch die Hände, scheinen so selbstverständlich und sind doch so bewundernswert groß. Wir können nur aus diesem Leistungsdruck ausbrechen, wenn wir ihn wahrnehmen, ihn thematisieren und um Hilfe bitten können. Dazu gehört auch ein Blick für die Anderen. Ein Sensibel-sein und Zuhören-können. Stress-machen ist in diesem Zusammenhang tödlich. Tödlich im wahrsten Sinne des Wortes. Tod der Politgruppe XY, weil einzelne von uns nicht Schritt halten können und wollen mit dem Tempo des Erfolgswahns. Ende eines Weges, der zum Ziel führen soll. Wie das Ziel konkret aussehen soll, werden wir noch nächtelang diskutieren. Auch das ist der Weg. Aber ein Ziel, welchem wir unsere Bedürfnisse und Träume unterordnen müssen, eine Kollektivität, in der Leistungsdruck herrscht – das ist garantiert nicht das, wofür wir kämpfen. Wenn wir die Entscheidung gefällt haben gemeinsam zu kämpfen, zu leben, lieben, arbeiten, dann werden wir auch mit überzogenen Ansprüchen, Erwartungshaltungen und Leistungsdruck fertig. Nur wir müssen etwas gemeinsam wollen!

Bezugsgrupppen in großen Gruppen

BEISPIEL DEMO

Deine/ Eure Bezugsgruppe hat sich vorgenommen, zur nächsten Demo zu gehen.

Vor der Demo

Natürlich seid Ihr gut vorbereitet. Ihr seid alle ausgeschlafen und habt auch noch mal besprochen, wie es euch so geht und was Ihr heute auf der Demo machen wollt; das kann von mitlaufen bis durchbrechen alles sein…. Einige von euch waren auf dem Vorbereitungstreffen der Demo (falls es Euch schon länger gibt) und haben die anderen informiert. Ihr habt euch zwar nicht in die Organisation der Demo eingebracht, aber ein oder zwei von euch sind für eure Bezugsgruppe zu dem Vorbereitungstreffen gegangen, um zu gucken, wie sich eure Bezugsgruppe noch einbringen kann. Ihr habt vorher diskutiert, ob eure Gruppe eine bestimmte Aufgabe übernimmt, wie den Lautischutz (Glossar: Lauti) oder ob Ihr in den ersten Reihen mitlaufen wollt. Ihr habt euch nicht so richtig gemeinsam entschließen können und deswegen nichts zugesagt. Nach dem Treffen habt ihr euch noch mal getroffen und euch entschlossen, ein Transpi zu malen. Ihr habt euch vor der Demo verabredet und seid gemeinsam zum Treffpunkt gegangen. Eure Verabredungen trefft ihr möglichst persönlich, denn ihr habt mitbekommen, dass am Telefon und besonders am Handy gerne mitgehört wird und ihr findet es nicht nötig, dass die Bullen gleich wissen, dass ihr als Gruppe unterwegs seid.

Während der Demo

So, nun seid Ihr angekommen, habt Freund_innen getroffen und ein wenig den Redebeiträgen gelauscht. Die Demo soll jetzt langsam losgehen – leider meist später als vorgesehen. In eurer Bezugsgruppe habt Ihr euch schon mal die Gegend angeguckt und überlegt, wo Ihr in der Demo gerne mitlaufen wollt. Je nach Demo und eurer Stimmung lauft Ihr locker in der Demo mit, guckt, welche Leute noch so in eurer Nähe sind. Vielleicht kennt Ihr ja auch noch eine andere Bezugsgruppe, mit der ihr zusammen eine Reihe bildet.

Ihr haltet euer Transpi hoch oder an der Seite. Ihr habt euch auch überlegt, was Ihr tut, falls es zu Rangeleien kommt oder sie sich andeuten, so dass Ihr evt. euer Transpi neben der tollen Botschaft, die Ihr damit vermittelt, entweder als Schutz einsetzen könnt oder es schnell zusammenrollt und Ihr Ketten bilden könnt.

Achten auf andere

Auch ist es nett, wenn eure Bezugsgruppe etwas auf Menschen achtet, die allein unterwegs sind, besonders, wenn es dann doch etwas ungemütlicher auf der Demo wird. Ihr könnt auch überlegen, ob Ihr den Menschen, die wieder mal mit Bierflaschen auf der Demo rumlaufen, sagt, dass Ihr das gar nicht cool findet und dass sie damit sich selbst und andere gefährden. Das Gleiche, wenn wieder mal einige sexistische Sprüche klopfen oder mackeriges Verhalten an den Tag legen, eure Bezugsgruppe kann hier eingreifen. Überlegt euch vorher am besten wie.

Ihr wisst als Bezugsgruppe ungefähr, wie weit Ihr gehen wollt und, wenn nötig und möglich, sprecht Ihr es kurz ab – auch den Zeitpunkt, wann Ihr gehen wollt oder mit nach vorne stürmt. Wenn es ungemütlich wird, die Bullen Leute rausgreifen wollen oder euch nicht durchlassen wollen, bildet Ketten und fordert andere auch dazu auf. Das gibt euch Sicherheit und die Demo ist geschlossener. Guckt euch um, dass keine Leute überrannt werden und falls die Bullen versuchen, eine_n festzunehmen, überlegt, ob Ihr da hingeht, rumsteht oder eingreift. Eine entschlossene Gruppe kann eine ganze Menge erreichen, auch wenn es keine Garantie dafür gibt. Genauso wenig gibt es eine Garantie dafür, keine Prügel von den Bullen abzubekommen oder nicht festgenommen zu werden, ganz egal, wo Ihr euch aufhaltet.

Ruhe bewahren

Aber: Panik ist häufig weit verbreitet, da kann helfen, wenn eine Bezugsgruppe ruhig und überlegt handelt. Wenn sie Ruhe verbreitet, nicht auch in Panik gerät und hektisch wegrennt – auch wenn wegrennen manchmal nötig ist… Das könnt Ihr ausprobieren, Ihr habt den Vorteil, dass Ihr mit Menschen unterwegs seid, die Ihr kennt und mit denen Ihr vorher was abgesprochen habt. Es gibt kein Rezept!!

Fazit: Es gäbe hier noch viel zu sagen. Einige Anmerkungen, die wir erhielten, bezogen sich darauf, dass auf Aktionen auch immer Spitzel unterwegs sind. Dass ist sicherlich so und soll auch nicht hinten runterfallen, aber euch auch nicht total hemmen, was zu machen. Bezugsgruppen sollten zusammenwachsen und wenn ihr euch besser kennt, was über den Alltag der anderen mitbekommt und Vertrauen zueinander habt, solltet ihr euch immer noch mal Gedanken machen, mit wem ihr welche Aktion macht. Wenn ihr euch ausführlich mit dem Thema beschäftigen wollt: Mohr/ Viehmann: Spitzel, 2004, Assoziation A oder guckt mal im Infoladen (Glossar).

Wer steht da eigentlich neben mir…?

Verdeckte Ermittler_in, Kripo in Zivil, V-Leute… sie tragen nicht immer den langen Trenchcoat oder eine Sonnenbrille. Von bieder bis sportlich, von Autonom bis Punk ist ihr Repertoire unserem Outfit angepasst. D.h. bevor ich mich mit Freund_innen oder meiner Gruppe bespreche, schaue ich mich mal um, wer da noch so rumsteht und große Ohren bekommt. Aber vergesst dabei nicht, dass auch Menschen dabei sind, die neu sind, weniger Informationen haben oder sich unsicher sind. Nicht alle, die unmotiviert in der Gegend rum stehen, gehören zum Staatsschutz!

Nach Aktionen

Haben die meisten Menschen das Bedürfnis über ihre Erlebnisse zu sprechen, entweder weil sie einen besonders fiesen Polizeieinsatz erlebt haben (siehe auch Traumatisierung) oder weil die Aktion so wunderbar und pfiffig gelaufen ist. Wenn Aktionen gelaufen sind, geht es niemanden mehr etwas an, wer geplant hat oder dabei war. D.h. nicht, dass ihr nicht drüber reden sollt, sondern genau darauf achtet, mit wem ihr wo über was redet, bspw. nicht am Telefon (Glossar).

ErmittlungsAusschuss

Unserer Meinung nach gehören immer auch Überlegungen dazu, inwiefern einzelne von Euch, Eure gesamte Gruppe oder die Leute neben Euch vor, während oder nach der Aktion von politischer Repression betroffen sein können. Viele beschäftigen sich lieber nicht damit oder vertrauen darauf, „dass schon alles gut geht“. Andere schrecken möglicherweise auch vor bestimmten Handlungen zurück, wenn sie sich mit den möglichen Folgen näher auseinandersetzen. Beides ist unserer Meinung nach nicht das Gelbe vom Ei. Wir halten daran fest, dass unser politisches Leben sich nicht rechtlichen Rahmenbedingungen, polizeilicher Drohkulisse oder Einschüchterung einfach unterwerfen sollte. Viele nennen ihr Engagement Zivilen Ungehorsam, oder gehen davon aus, dass sich nur durch den Druck sozialer, politischer Bewegungen die Verhältnisse verändern.

Wer wann und in welchem Umfang von Repression betroffen ist (z.B. brutale Polizeigewalt auf Demos, Straf- oder Haftbefehle, Auflagen z.B. im Sinne von Reisebeschränkungen, Observationen, Bespitzelungen, Untersuchungshaft, Hausdurchsuchungen usw. usw.), lässt sich bei aller Erfahrung nicht genau vorhersagen. Sie kann pazifistische Friedensaktivist_innen und militante Kreise treffen, oder auch mal die überraschte Mitbewohnerin oder den älteren Genossen, der schon seit Jahren nicht mehr aktiv ist. Sie ist politischen Konjunkturen unterworfen oder hängt auch mal vom Jagdeifer eines einzeln Beamten oder einer eifrigen Staatsanwältin ab. Manche nennen es Willkür, andere Rechtsstaat. Gemeinsam ist allen Situationen, dass sie für die Betroffenen meist äußerst unangenehm und bedrohlich sind.

Auch hier gilt die Parole der Broschüre ganz wunderbar: Zusammen mehr erreichen! Wir finden, niemand darf mit Repression wegen seines oder ihres politischen Engagements alleingelassen werden! Deshalb gibt es unter anderem Rechtshilfegruppen, Ermittlungsausschüsse, Solifonds und -kreise, Broschüren zum Umgang und zu Erfahrungen mit Polizei und Justiz, sowie Veranstaltungen zum Thema. Viele haben die Erfahrung gemacht, dass die Auseinandersetzung mit dem Thema nicht zu Einschüchterung führen muss, sondern das Vertrauen in die Gruppe und sich selbst stärken kann. Man fühlt sich staatlichen Repressionsorganen gegenüber nicht völlig hilflos ausgeliefert, sondern hat vieles im Kopf schon mal durchgespielt oder von Leuten gehört hat, wie sie mit solchen Situationen umgegangen sind. Deshalb glauben wir, dass das Thema Repression im politischen Alltag eine Rolle spielen sollte, dazu gehören auch die Ängste, Unsicherheiten und Fehler, die wir alle in solchen Momenten kennen.

Es kann Sicherheit geben zu wissen, dass sich Leute um eineN kümmern, wenn er/sie auf einer Demo festgenommen wurde, oder jemand nach einer Hausdurchsuchung zum Reden vorbeikommt, ’ne Demo organisiert und eine Soli-Cocktail-Bar auf die Beine stellt, um die Kosten wieder reinzukriegen. Wir denken, dies ist eine ganz große Stärke unserer Bewegung, auf die wir nichts kommen lassen sollten. Und das geht am allerbesten, wenn sich alle immer mit dafür verantwortlich fühlen und hin und wieder Zeit, Geld, Soliarbeit, Texte, Veranstaltungen, Knastbesuche usw. usw. dazu beitragen.

Wenn dies einen ganz normalen Teil des politischen Alltags von uns allen darstellt, dann bleibt auch immer noch genug Zeit, an den Themen weiterzumachen, die uns und denen wichtig sind, die grade nicht weitermachen können, weil sie sich mit den Folgen ihres politischen Engagements herumschlagen müssen…

RechtsTipps

Was muss mit Personalausweis, Autopapiere unauffällige, bequeme Klamotten und feste Schuhe Ersatzklamotten, (Plastiktüte, falls eure Klamotten z.B. mit Pfefferspray voll sind) Regenzeug, Sonnenbrille, Cap, Halstuch Schreibzeug, Stadtplan, Landkarte (Kompass) Regelmäßig benötigte Medikamente, Binden, Tampons, Verbandszeug, Augenspülflasche Infotelefonnummer, Telefonkarte und Groschen, evt. Handy (Akku raus!) Trinken und Essen, Schoki Telefonnummer vom Ermittlungsausschuss (EA) Wechselklamotten Glossar

Was bleibt zu Hause

  • Kalender, persönliche Aufzeichnungen, Adressbücher, Schlüssel (Haustürschlüssel am besten bei Freund_innen deponieren), Handy
  • Drogen, Alk
  • Schmuck, Fettcreme, Schminke, Kontaktlinsen

In Stresssituationen

Ruhe bewahren! Ketten bilden! An Absprachen halten. Auf die Menschen aus deiner Bezugsgruppe und andere achten. Beruhigend auf Leute einwirken, die in Panik sind. Wenn Rückzug, dann ruhig und entschlossen! Wildes Durcheinanderlaufen und aufgelöste Ketten erleichtern Bullen Prügelorgien und Festnahmen.

Personenkontrolle

Sie dürfen Dich anhalten, nach deinen Personalien fragen und deinen Ausweis verlangen. Frag nach dem Grund. Bei Beschlagnahmung von Gegenständen lass Dir ein Verzeichnis geben. Unterschreibe niX. Lass Dich nicht auf einen Plausch ein! Alles, was Du erzählst, wird später gegen Dich oder andere verwendet, nur deswegen reden sie mit dir.

Festnahme

Sorge dafür, dass Menschen deinen Vor- und Nachnamen und die Stadt erfahren, aus der Du kommst, damit sie dem EA bescheid sagen können. Lass Dich nicht auf Gespräche mit den Bullen ein, auch wenn sie noch so nett erscheinen und Du völlig fertig bist. Wenn Du in der Wanne/ Gefangenentransporter sitzt, sag nix über die Aktion oder deine Zusammenhänge – es könnte ein Spitzel dabei sein oder eine_r könnte später darüber plappern. (Es geht hier nicht darum, ganz besonders cool zu sein. Ihr könnt natürlich über das Wetter oder eure Frisuren reden oder Leuten unter euch, die das alles das erste Mal erleben erklären, was jetzt alles passiert…)

Auf der Wache / Gefangenensammelstelle (Gesa)

Nix sagen!! Außer: Name, Geburtsdatum, Meldeadresse, Staatsangehörigkeit und allgemeine Berufsbezeichnung (Schüler_in, Angestellte_r, Auszubildene_r) Falls sie Dich Erkennungsdienstlich (ED) behandeln wollen, Widerspruch einlegen. Du hast das Recht, zwei Telefongespräche zu führen, ruf den EA an und teile nur deinen Namen und deine Stadt mit und sag, was sie Dir vorwerfen – weiter niX!! Falls Du verletzt bist, hast Du das Recht, von einer Ärztin oder einem Arzt behandelt zu werden. Lass Dir deine Verletzung attestieren.

Auf der Wache niX unterschreiben. Protokolle geben lassen, aber niX unterschreiben! Es ist Dein Recht, nichts zu unterschreiben, auch wenn sie versuchen, Dich unter Druck zu setzen und Dir z.B. Deinen Hausschlüssel nicht wieder geben wollen.

Nach 48 Stunden sollten sie Dich raus lassen oder dem/ der Haftrichter_in vorführen. Hier brauchst Du spätestens auch eine_n Anwält_in.

Wieder draußen

Sag dem EA bescheid, dass Du draußen bist. Schreibe ein Gedächtnisprotokoll Glossar, schreib aber niX auf, was Dich oder andere belasten könnte! Dann kannst Du tief durch atmen, einen Kaffee trinken und Dich von deiner Bezugsgruppe verwöhnen lassen.

Weitere Infos

  • „Wege durch die Wüste“ ist ein Buch, dass sich ausführlich mit Repression und Ermittlungsverfahren usw. befasst – sehr empfehlenswert: UNRAST VERLAG Münster, 3. Auflage 2007
  • Was tun wenn´s brennt – Demoratgeber der Roten Hilfe (als pdf bei http://www.rote-hilfe.de/publikationen/rechtshilfetipps )

Ermittlungsausschüsse und Rechtshilfe (Rote Hilfe / Schwarz Bunte Hilfe) in vielen Städte.

Den Riot in Die Steppe tragen

Ein großer Punkt, wo so manche Angst vorm Land herrühren mag, ist der Mythos um die eingesetzte Technik der Polizei. Natürlich erleichtert diese der Gegenseite so Einiges, aber eben nicht alles. Es gibt Lücken und Schwachpunkte und wenn mensch um diese weiß und etwas geschickt ist, kann so manches gelingen. Außerdem wird gerne übersehen, dass Technik auch meist teuer ist und somit nicht massenhaft zu Verfügung steht. Und zudem ist die Größe des Areals und Vielfältigkeit des Geländes überhaupt nicht mit der Stadt zu vergleichen, denn noch können Polizist_innen nicht geklont werden (auch wenn die meisten so aussehen) und müssen sich großflächig verteilen, also ausdünnen. Dies kann durch geschicktes Vorgehen noch verstärkt werden. So kann ein Ablenkungsmanöver an einer Stelle sinnvoll sein und den Erfolg einer Aktion an anderer Stelle ermöglichen.

Auch die zurückzulegenden Strecken sind für alle Beteiligten erheblich größer. Das bedarf auf der einen Seite mehr Kondition. Auf der anderen Seite sind meist nicht wir es, die zu einem genauen Zeitpunkt an einem bestimmten Punkt sein müssen und dafür nur wenig Zeit haben. Besonders das schnelle Fortbewegen auf dem Land ist häufig schwierig. Wenn dann die wenigen Wege nicht befahren werden können, ist mit „schnell“ erstmal Schluss.

Alles in allem gibt es verschiedenste und vielfältigste positive Erfahrungen mit Aktionen auf dem Land, so bei den Castor-Blockaden im Wendland und anderswo oder einigen Gipfelprotesten oder antirassistischen Grenzcamps. Einige dieser Erfahrungen sind hier zusammengefasst. Einige sind nicht aktionsspezifisch, sondern allgemein und auch in der Stadt zu beachten, andere etwas spezieller… Bei allen technischen, taktischen und strategischen Überlegungen solltet ihr immer das Maß finden, ihr selbst zu bleiben mit euren quirligen und lebensbejahenden Gedanken und Ausdrucksformen. Es kann nicht darum gehen, in eine militärische Logik zu verfallen – auf dem Gebiet ist die Gegenseite, die Bullen, der Staat nicht zu schlagen. Es muss darum gehen, durch phantasievolle und unberechenbare und massenhafte Aktionen die politischen Verhältnisse durcheinander zu bringen. Militärisch geplante und durchgeführte Aktionen sind für sie nachvollziehbar und berechenbar.

Auch wenn im folgenden viele technische Details und Tipps gesammelt sind: bemüht euch nicht, dies zur Perfektion zu treiben. Dann wärt ihr bei paramilitärischen Strukturen, die keinen Raum für Individualität lassen. Es sollen ein paar Anregungen sein, die nicht den Blick auf überraschend lustige, vielfältige und auch mal banale Aktionen versperren sollen, die mit einer emanzipatorischen Überzeugung verbunden sind. Dabei sollte auch nicht vergessen werden, dass nicht die einzelne Aktion zum Erfolg führen wird, sondern der Kontext einer Vielzahl von Aktionen. Beißt euch also nicht zu sehr an einer Aktion fest oder seit total frustriert, wenn diese mal nicht klappt. Vielleicht war es einfach Zufall, dass der Wasserwerfer genau auf eurem Aktionsort stand, vielleicht wurde der Ort schon von einer anderen Gruppe vor euch „benutzt“, vielleicht waren aber auch eure Absprachen nicht ausreichend – in jedem Fall solltet ihr eine Nachbereitung machen: Aus Fehlern lernt mensch!

…Aber 1000 Sind Auch Kein Pappenstiel

OK, ihr habt jetzt eure Bezugsgruppe aus sagen wir mal 8 Leuten gebildet. Mit 8 Leuten könnt ihr schon einigen Wirbel machen, Sachen umwerfen, Unruhe stiften etc. Insgesamt kommt ihr dabei natürlich nicht weit, auch wenn das schon ein guter Anfang sein kann. Aber mit 1000 Leuten könnt ihr natürlich deutlich mehr wuppen. Aber wie funktioniert nun wieder eine Organisierung mit 1000 Leuten, zum Beispiel auf einem Camp, welches einen G8-Gipfel verhindern will. Letztendlich stellt sich die Frage auch bei jeder Nazidemo oder jeder versuchten Häuserräumung, die wir verhindern (wollen), bei jedem beschissenen Bundeswehr-Gelöbnis, das uns auf die Strasse bringt.

Im Idealfall sind alle anderen 992 Leute auch in Bezugsgruppen organisiert und es gibt verschiedene Unterstrukturen. Am zentralsten ist die ganze Zeit eure Diskussion in der Gruppe. Meist ist es so, dass die Bezugsgruppen vor oder während einer Aktion/ Demo Delegierte aussenden (zum sog. Deli-Treffen) , die alles Wichtige durchsprechen, klare Abbruchkriterien festlegen etc.. Bei sehr großen Veranstaltungen, bei einem Camp mit 5000 Leuten bspw., kann auch ein solches Deli zu groß sein, um sinnvoll zu diskutieren. In einem solchen Fall werden oft Städte und Regionen zu kleineren Deli-Treffen zusammengefasst, es gibt dann sog. Barrios in den Camps(neben Städte-Barros gibt es oft auch solche, die eine Aktionsform oder einen politischen Kampf repräsentieren, z.B. Studi-Barrio, Frauen-Lesben-Barrio -> Glossar).

Nötiges Vertrauen vs. Paranoia

Ihr werdet bei großen politischen Veranstaltungen, zum Beispiel bei einem Aktionscamp mit 1000 Leuten, wahrscheinlich nicht alle Leute kennen. Trotzdem wollen natürlich alle ein politisches Ziel erreichen – ihr wollt was zusammen, sonst wärt ihr ja nicht da. Das macht ja auch den Reiz von Aktionscamps oder auch großen Demos aus, dass mensch merkt, da sind noch viele andere und wir können auch was erreichen. In manchen Situationen schlägt, das ist unsere Erfahrung, dieser Reiz aber auch in Enttäuschung um, weil sich einzelne Gruppen oder Aktionszusammenhänge scheinbar abschotten. Der Grund dafür ist oft nicht klar formuliert, mensch fragt sich dann schnell, ob das jetzt die obercoolen Checker sind, mit den „richtigen“ Kontakten (oder den „coolen“ Klamotten). Der Grund ist oft trivialer, nämlich der, dass Aktionen, die sich beispielsweise negativ auf die öffentliche Verkehrsinfrastuktur auswirken und dadurch kriminalisiert werden (was wir nicht richtig finden, aber momentan ist das so), oft nur von Zusammenhängen gemacht werden, die sich schon länger kennen. Lasst euch von dieser Klüngelei nicht abschrecken oder einschüchtern, sie richtet sich nicht gegen euch. Am besten überlegt ihr euch ja ohnehin vorher, was ihr machen wollt. Bei so einer Planung steht ihr selbst schnell vor der Frage, wieviel Vertrauen innerhalb der Gruppe, die die Aktion macht, nötig ist und was dagegen unnötige Paranoia sind. Kurz: nicht naiv sein gegenüber den Bütteln des Staates, nicht paranoid gegenüber Genoss_innen!

—Erfahrungsbericht—

Genua, 20.07.2001:

Etwas Ungewisses lag in der Luft, man konnte die Spannung formlich mit der Luft aufsaugen.

Um 10 h trafen wir uns am Piazza Kennedy, um uns noch einmal mit neuesten Infos auszutauschen und letzte Dinge zu besprechen. Wir waren zu zehnt und entschieden uns, dem Black Block, wo sich viele Anarchist_innen und Autonome versammeln würden, anzuschließen.

Wir hatten alle die EA-Nummern aufgeschrieben, Stadtpläne verteilt und uns in 5 Zweier-Gruppen unterteilt. Das obligatorische Rufwort durfte natürlich nicht fehlen. Als wir am Treffpunkt Corso Torino ankamen, ging es zu unserer Verwunderung schon sofort los. Banken wurden gesmasht und Wurfgeschosse gesammelt. Den heraneilenden Bullen antworteten wir mit Steinen, doch dem zunehmenden Tränengas mußten wir schließlich weichen und uns von der Roten Zone entfernen. In all dem Chaos stetig darum bemüht als Gruppe sich nicht zu verlieren. Wir waren nicht die Einzigen, die unter ihren Tüchern und Hassis laut ihre Gruppennamen riefen. Nach ein paar Blocks teilte sich die Demo. Hier machten wir das erste mal Plenum. Einem Teil von uns war es zu heftig und die Performance erschien ihnen zu unkontrolliert und zuwenig zielgerichtet. Zu siebend zogen wir weiter und schloßen uns der nördlichen Gruppe, an. Schicker aussehende Autos brannten aus, aber auch weniger moderne Karossen mußten dran glauben. Wir blieben zusammen. Als nördlich der Bahnstation (Stazion Brignole) der Supermarkt geplündert wurde, konnten wir gerade noch den verbliebenen Alkohol zerstören. Zu viele hatten sich inzwischen daran berauscht – es wurde ein wenig wild. Hier hielten wir jetzt unser zweites Plenum ab. Drei weitere von uns verabschiedeten sich und zu viert, dezimiert, zogen wir weiter. Wir waren jetzt zwei Zweiergruppen. Wir überquerten den Piazza Manin und näherten uns schließlich noch einmal der Roten Zone. Danach zogen wir uns zurück wieder in jene Richtung, wo morgens unsere Demo startete und inzwischen die Tute Bianche, die erst sehr viel später losgelaufen waren, mit der Spitze auf die Bullen stieß.

Hier vereinigten sich jetzt der zersprengte Black Block mit jenem Teil der Tute Bianche, die den Bullen nicht freiwillig das Feld räumen wollte. Als Carlo erschossen wurde, waren wir in einer Nebenstraße, bereits auf dem Weg zurück. Als wir gegen 18 h das Indymedia-Center erreichten waren wir über 8 Stunden unterwegs. Wir hatten uns nicht verloren. Was uns immer wieder geholfen hatte, war das wir über unsere Grenzen und Bedürfnisse geredet und diskutiert haben. Dadurch schafften wir Klarheit zumindest unter uns inmitten all dieser Anspannung. Dass wir uns trennten, war nie ein Problem. Wir schlossen uns am Ende immer dem an, von dem wir glaubten, dass es unseren Vorstellungen entsprach. Das wichtigste schien mir Absprache und Kommunikation. Genua blieb mir, was die Bezugsgruppendynamik betrifft, positiv in Erinnerung. Trotz all dem Chaos, den vielen Gasgranaten, dem Sprachgewimmel in einer unbekannten Stadt, schafften wir es, zusammen zu bleiben und dem G8-Spektakel deutlich unsere Note zu geben. Wir waren alle ok – doch Carlo war tot – die Erstürmung der Diaz Schule sollte noch folgen. Nichts bleibt wie es war.

Vorbereitung und Nachbereitung von Aktionen

Der Schritt der Vorbereitung.

Erstmal inhaltlich. Bevor mensch mit ihrer/seiner Bezugsgruppe konkrete Planungen für eine Aktion startet, ist es gut, sich darüber zu unterhalten, was das Ganze politisch soll, was wir damit sagen/zeigen/vermitteln wollen. Das können Fragen sein wie „Ist es sinnvoll, den Verkehr um die Häuserräumung zu stören oder besser, das Haus massenhaft zu besetzen?“ oder „Machen wir eine Blockade, um eine Abschiebung zu verhindern oder wollen wir vorher politischen Druck aufbauen, damit sie gar nicht erst losgeht?“ Es geht darum, die Aktion in einen politischen Kontext zu stellen und außerdem klar zu kriegen, was wir wollen.

Wenn es dann eine Idee gibt, gibt es auch noch viel zu bereden: wer besorgt den Transpistoff, wann wollen wir malen, was gab es schon mal für ähnliche Aktionen und was wollen wir besser machen? Mensch sollte auch überlegen, ob Teile der Performance geübt werden müssen. Es ist auch gut, sich einen Bezugsgruppennamen zu überlegen, da es in unübersichtlichen Situationen praktisch ist, damit wieder zusammen zu kommen, wenn ihr ihn ruft. Ein Teil der Überlegungen, der gerne vergessen wird: Wie weit will mensch gehen und wann wird abgebrochen? Klar kann die Gruppe nicht alle Eventualitäten durchgehen, aber ein paar Szenarien. Was das sein kann, ist natürlich davon abhängig, was ihr wo vorhabt, das kann von der besagten Lücke in der Polizeikette sein über die Polizei prügelt in die Demo rein, Nazis laufen in der Demo mit oder oder oder.

Es ist auch gut, sich schon vorher zu verabreden, wo mensch sich dann als Gruppe im Notfall trifft, falls Ihr nicht mehr zusammen unterwegs sein konntet. Vereinbart also einen Treffpunkt.

Nachbereitung 1: Direkt nach der Aktion, zurück im Camp, im Café oder wo auch sonst – in einer ruhigen Ecke. Mal treffen, um ein Resümee zu ziehen, ein wenig zu reden, was so war und wie es einer/m gerade geht, um einfach runter zu kommen.

Nachbereitung 2:Wenn Ihr euch regelmäßig trefft, könnt Ihr ja beim nächsten Treffen die Aktion bereden. Wenn es eine einmalige Gruppe ist, ist es gut, sich noch einmal mit etwas Abstand zu treffen, um das gelaufene zu reflektieren. Mit etwas Ruhe und Abstand ist es sinnvoll, nochmal die Aktion aufzuarbeiten: Was war prima, womit ging es mir nicht so gut, was waren einfach coole Erlebnisse, ist es so gelaufen wie mensch sich das gewünscht hat? Was kann mensch das nächste Mal auch einfach anders/besser/effektiver (pfui, was für ein Wort) machen? Oder will mensch auch das nächste Mal was ganz Anderes machen.

Da sollte es nicht nur um Techniken gehen, sondern auch um Zusammenarbeit in der Gruppe: Aufeinander achten oder was soll besser abgesprochen werden. Wenn wir es schaffen, uns zu reflektieren und ehrlich miteinander umzugehen, kommen wir unserem Ideal von einem besserem Umgang miteinander näher.

sehen und gesehen werden

Für manche Aktionsformen ist das Folgende relevant: Gesehen werden möchte mensch dann vor und nach Aktionen nicht so gerne. Neben der situationsangepassten Kleidung haben auch die Bewegungsschemata einen wichtigen Anteil. Leuchtende Farben werden eigentlich überall stark wahrgenommen, aber manchmal sticht ein schwarzer Kapuzi auch besonders heraus. Besonders Nachts lassen glatte Oberflächen Konturen klarer erkennen und reflektieren mitunter auch besser das Restlicht. Achtet bei Regenklamotten etc. auch auf die Reflexstreifen, die im normalen Straßenverkehr ja grade für eine bessere Sichtbarkeit sorgen sollen. Wenn andere Personen (z.B. Bullen) in der Nähe vermutet werden, sollten Wege und Straßen bei Kurven, in Senken oder unter Brücken gekreuzt werden.

Folgendes gilt für Feld, Wald und Wiese: Das Betreten von Hügelkämmen und freien Flächen oder breiten Straßen sollte auf jeden Fall vermieden werden, da sich dabei die Silhouetten vorm helleren Himmel/Hintergrund? abheben. Pausen und Besprechungen empfehlen sich an Orten, die nach allen Seiten (auch nach oben!) sichtgeschützt sind. Aufrechtes Laufen ist zwar bequemer und schneller, aber die Deckung des Unterholz fehlt. An sich werden schnelle Bewegungen eher wahrgenommen, als langsame oder gar keine.

Es kann auch sinnvoll sein, ein kleines Fernglas dabei zu haben, um auch die weitere Entfernung einsehen zu können. Anders als in Städten sind auf dem Land kaum Hintergrundgeräusche zu hören. Das bedeutet, dass viele Geräusche sehr weit gehört werden können. Weitere Anwesende können so lokalisiert werden, es sei denn, sie achten auf ihre eigenen Bewegungsgeräusche. Besonders brechende Zweige und Äste, aber auch Geraschel von losem Laub, das Laufen auf Schotter oder gar eine angeregte Unterhaltung verursacht weithin hörbare charakteristische Geräusche. Wenn mensch die Gegend kennt, kann mensch schon anhand solcher Geräusche den Ort und die Anzahl von Personen bestimmen. Ganz ohne Geräusche wird es natürlich nicht gehen, da mensch ja auch in einer angemessenen Geschwindigkeit vorwärts kommen will. Deshalb sollte mensch sich überlegen, wo es wichtig sein könnte, leiser zu sein und wo ziemlich sicher niemand zuhört. Außerdem können auch andere Geräusche wie von Hubschraubern oder vorbeifahrenden Fahrzeugen zum Übertönen der eigenen Bewegungsgeräusche genutzt werden. Aufgeschreckte Tiere können ein Hinweis auf andere Personen sein – oder auf die eigene. Gerade in weichen Böden sind Fußabdrücke, Reifenprofile und andere Spuren gut sichtbar. Mit etwas Übung lässt sich auch das Alter einordnen. Mitunter führen solche Spuren andere direkt zu euch. Schuhsohlen- und Reifenprofile lassen sind wegen der unterschiedlichen Abriebe gut wiedererkennen.

hin und weg!

Bei den meisten Aktionsgruppen wird sich über das Hinkommen zum Aktionsort noch einigermaßen Gedanken gemacht. Bei einigen Aktionsformen, z.B. einer Sitzblockade reicht das auch erstmal. Bei vielen Aktionen will mensch aber nicht am Aktionsort bleiben, sondern wieder verschwinden – möglichst ohne Polizeikontrolle. Mensch sollte sich also frühzeitig Gedanken über den Nachhauseweg machen, so dass alle gut weg kommen. Wenn die Aktion eine erhöhte Aufmerksamkeit der Bullen auf sich zieht, dann kann die Planung des Rückwegs deutlich aufwendiger als der Hinweg sein. Wichtig ist bei allen Aktionen auch der richtige Zeitpunkt des Rückweges. Bei vielen Großaktionen greifen sich die Bullen nach dem Ende der Aktion willkürlich Leute raus, um ihre Gefangenenquote zu erfüllen. Deshalb sollte sich zur rechten Zeit geschlossen zurückgezogen werden.

Fahrzeuge sollten sinnvollerweise nicht so abgestellt werden, dass sie sofort gesehen oder mit der Aktion in Zusammenhang gebracht werden. Auch sollten die (parkenden) Fahrzeuge nicht schon von einem Streifenwagen blockiert werden können, der dann seelenruhig auf Verstärkung wartet. Andererseits sind dann manchmal sehr weite Strecken zu Fuß zurückzulegen, was sehr viel Zeit braucht. Manchmal kann es deshalb sinnvoll sein, dass ein Fahrzeug eine Gruppe nur absetzt oder einsammelt, während der Aktion aber nicht in der Nähe ist. Grade das Einsammeln von Leuten erfordert sehr genaue Absprachen, besonders Nachts. Nachts sind auch Scheinwerfer und Bremsleuchten weit zu sehen. Letztendlich ist eine Aktion erst vorbei, wenn alle von euch (und alle anderen) wieder wohlbehalten zu Hause sind.

Möglichkeiten einer schnellen Entscheidungsfindung

oder “Ach du Scheiße, da ist ne Lücke in der Bullenkette!”

Vielleicht warst Du/ ward Ihr schon mal auf einer Demo oder Aktion, Ihr wolltet ein Genfeld besuchen, eine Bundeswehrkaserne blockieren oder ein blödes Lobbyistentreffen stören? Ihr habt euch was Nettes überlegt, da mensch ja eh vor der Bullenkette herumsteht und dann wenigsten nette Bilder rüberkommen sollen. Und nun das Unmögliche: die Cops stehen in 15 Meter Abstand gelangweilt bspw. vor dem Nobelhotel rum, die/ der Security ist mit einer andere Gruppe am Seiteneingang beschäftigt, und der Weg zum Lobbyist_innenpodium ist frei! Tja, was tun? Eine schnelle Entscheidung muss her! Wir wollten doch mehr als Bilder und eine direkte Aktion ist vielleicht doch sinnvoller. Schön ist es dann, mit Leuten unterwegs zu sein, die sich gut kennen; ein ähnliches Level haben oder spontan den gleichen Gedanken haben – letzteres passiert selten, wenn Ihr zum ersten Mal zusammen unterwegs seid. Hier soll es um den Weg zu Entscheidungen innerhalb der Gruppe gehen, ohne Zeitdruck.

Entscheidungsfindung im Konsens

Eigentlich wollten wir über Techniken der schnellen Entscheidungsfindung was schreiben, aber beim länger darüber Nachdenken trat dieser Punkt immer mehr in den Hintergrund. Viel wichtiger ist ein prozesshaftes Vorgehen. Erstmal vorweg: wir meinen, dass es wichtig ist, innerhalb einer Bezugsgruppe im Konsens zu entscheiden, sonst kann mensch ja auch einer Partei, einer Politsekte oder einem Verein beitreten. Zum Konsens noch ein paar Ergänzungen, da jetzt alle an ewig lange Diskussionen denken, bis alle „ja“ sagen und das letzte Komma auf dem Flugblatt eine halbstündige Diskussion erfordert hat und die Farbe vom Stoff für das Transparent zum Politikum wird… So muss es nicht sein! Oft stehen andere Gründe hinter diesem Vorgehen, im schlimmsten Fall persönliche Zerwürfnisse, die dann über die Schriftart auf dem Plakat ausgetragen werden. Konsens heißt für uns, dass entweder mensch innerhalb der Bezugsgruppe einer Meinung ist (der Idealfall) oder ein Großteil es will und die kleinere Gruppe sagt, dass es so okay ist, es aber nicht die Ideallösung ist (die mensch leider nicht gefunden hat, sich aber auch darum bemüht hat). Wichtig ist, dass keine/r ein Veto ausgesprochen hat! Dabei gehen wir davon aus, dass das Veto wirklich der letzte Weg ist, eine längere Diskussion zu beenden, weil mensch da keine Kompromisse eingehen kann. Einerseits sind alle aufgefordert, sensibel zu sein, da sich auch nicht alle trauen, ein Veto auszusprechen. Andererseits solltet ihr beobachten, was passiert, wenn ständig ein Veto eingelegt wird (in welchen Situationen etc.) und ob der Punkt nicht erstmal wieder auf der Ebene darunter diskutiert werden sollte oder ein grundlegenderes Problem vorliegt.

Entscheidungen sind Prozesse

Insgesamt ist es uns wichtig, den Weg zu Entscheidungen als einen Prozess zu betrachten. Es gibt zwar Techniken, die in vielen Gruppen funktionieren, aber das heißt ja nicht, dass Ihr darauf Lust habt. Es heißt nicht umsonst „Bewegung kommt von bewegen“, nicht nur körperlich, sondern auch im Kopf. Viel Spaß beim Experimentieren, Diskutieren, Lachen, Kämpfen, Reden…. Es gibt naürtlich die unterschiedlichsten Entscheidungen, für die mensch sich unterschiedlich viel Zeit nehemn sollte. Um konstruktiv zu einer Entscheidung zu kommen, ist es gut, sich erst einmal klar zu machen, was die Fragestellung ist. Um was soll es bei der Diskussion gehen und was muss entschieden werden? Lieber nochmal einen Schritt zurück und prinzipiell reden, als sich dann im Detail zu zerreden, wobei das Ergebnis oft ist, dass alle genervt sind. Bei “Beschlüssen” auch mal nachfragen, ob alle wirklich das gleiche meinen. Zu Themen, die alle betreffen, kann ein “Blitzlicht” gut funktionieren. Dort bekommen alle der Reihe nach den Raum, etwas zu sagen und können hören, wie jede_r zu dem Thema steht. Falls das gut zusammen gefasst wird, kann daraus eine konkrete Frage zum Weiterdiskutieren entwickelt werden. Es ist auch hilfreich, wenn Menschen in der Runde sagen, dass das Thema von ihnen als nicht so wichtig erachtet wird und es dann auch okay ist, dass nur die es besprechen, denen es wichtig ist.

sich nicht gegenseitig überrennen

Nun zu der „Lücke in der Bullenkette“ bzw. zu Entscheidungen, die mensch schnell fällen muss. So richtig können wir da auch keine Techniken vorstellen. Es geht in solchen Situationen viel um Vertrauen, ein Gefühl füreinander oder ein spontanes „das versuchen wir jetzt einfach“. Gerade in solchen Momenten ist es wichtig, keine_n in der Gruppe zu „überrennen“ oder mitzuzerren gegen ihren/seinen Willen und sensibel zu sein für ein leises „das will ich nicht“. An solchen Punkten ist es wichtig, Keine_n alleine stehen zu lassen. Schließlich wollen zusammen weiter kommen, das heißt dann eben auch, dass Keine_r allein gelassen wird! Wenn sich spontan zwei Gruppen bilden mit „da durch wollen“ und „lieber was anderes machen“ , warum sich nicht trennen? Das ist kein Statement zum „mensch kann sich ja beliebig teilen, und nachher sind dann alle in Zweiergruppen unterwegs“. Aber auch das kann durchaus eine Option sein.